Volkstrauertag | 19. November 2017 | Altenburg

 

 

Frieden beginnt am Küchentisch. Völkerverständigung auch.

Und Krieg beginnt am Küchentisch, Völkerfeindschaften auch.

 

Froschfresser, Hammelesser. Vorurteil.

Frieden beginnt am Küchentisch. Kriegstreiberei auch.

Die Geschichte mahnt uns: Bedenkt, was ihr sagt. Am Stammtisch, auf Arbeit, zu Haus.

 

Mit welchen Menschen sitze ich am Tisch? Wen lade ich zu mir nach Haus?

 

Vor 5 Monaten war ich mit Freunden eingeladen bei Nour.

Nour, komischer Name habe ich gedacht. Aus Syrien war er gekommen.

Sein Name heißt so viel wie Licht. Was ist das für ein wundersames Land, in denen Eltern ihren Kindern solch einen Namen geben? 

 

Baklava und syrische Spezialitäten hat er uns gemacht.

Zum drei-Gänge-Menü sollten wir bleiben.

Frieden beginnt am Küchentisch. Völkerverständigung auch.

 

Und das, was uns trennt, beginnt auch dort.

Das Denken in der Kategorie: schlecht oder gut.

Schimpfwörter: Froschfresser, Hammelesser, Vorurteil.

Abwertende Worte. Nur meine Suppe schmeckt dann gut.

 

Die Kriege der Vergangenheit warnen mich, nur mein eigenes Süppchen zu kochen.

Und jedes Vorurteil sagt mir: sei auf der Hut. Vielleicht schmeckt auch Baklava gut?!

 

Tischgemeinschaften brauchen Menschen, die im Angesicht des Todes und der Kriege einladen,

gemeinsam das Leben zu feiern.

Frieden braucht Menschen, die sich gemeinsam an einen Tisch setzen und über das reden, was trennt.  

 

Christen glauben an einen Gott, der alle zu sich ruft, an seinen Tisch.

Wie christlich unser Abendland ist, können wir an unseren Tischgemeinschaften ermessen.

An den Gesprächen, die wir pflegen, an den Gemeinschaften, die wir erleben.

Mit wem setze ich mich an einem Tisch?

 

Mein Großvater saß mit Franzosen am Tisch. Im zweiten Weltkrieg ist das gewesen.

Er war Angreifer. Er war Kriegsgefangener.

 

Er hat mir immer erzählt, wie wenig es gab.

Die ganze Woche über hat die Bäuerin ein Huhn im Topf gehabt.

Sechs Tage Suppe und sonntags mit Fleisch.

 

Er war Kriegsgefangener und saß mit an ihrem Tisch.

Er hat einen Platz bekommen. Ihm ist Gnade widerfahren.

Güte, die er nicht verdient.

 

Was er erlebte, hat mein Leben verändert,

mein Denken über ein fremdes Land,

mein Reden über Vergebung und Schuld.

Mit wem setze ich mich an einen Tisch?

 

Die Kriege der Welt und ihre Toten mahnen mich: suche den Frieden, setz kein Vorurteil in die Luft.

 

Redet über das, was euch trennt und verschieden ist und feiert das Leben, das ihr habt. 

 

 

 

Einführungsgottesdienst in das Amt der Superintendentin des Kirchenkreises Altenburger Land                                                                       2. Mo 3,1-14 | 15. Oktober 2017 | St. Bartholomäi zu Altenburg

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus. AMEN

 

Und Mose hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters und er trieb sie an den Berg Gottes.

Mose im Dienst. Für andere.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Pfarrerin und einer Pastorin, hat mich letzte Woche ein Verkäufer gefragt und ich sagte: Pfarrerin, das kommt von Pfarrer und da steckt noch das alte Wort: Pfarrherr drin und Pastorin kommt aus dem Lateinischen, und meint so viel wie Hirte, Seelsorger, Hüter sein. Und dreimal dürfen Sie raten, was mir mehr am Herzen liegt, sagte ich zu dem älteren Mann.

Und der meinte: ganz gewiss, Seelsorgerin sein. Und er lachte und ich mit ihm.

 

Und Mose hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters.

Hüten, was mir nicht gehört.

Viele von Ihnen hüten, was anderen gehört. Manche von Ihnen hüten Kirchen und schließen sie auf: Räume zwischen Himmel und Erde.

Manche hüten über Risse im Haushaltsloch und sorgen sich, dass alles bezahlbar bleibt in Regierung, Land und Stadt. Manche hüten über Kinder und Kranke, über Flüchtlinge und andere hüten Gottes Wort.

Sie alle hüten, was Ihnen nicht gehört. Und Mose hütete die Schafe Jitros.

 

Wenn Menschen vergessen, das Leben zu hüten, das ihnen anvertraut ist, dann ist die Katastrophe oft groß.

Wenn Menschen sich im Amt als Herren aufführen, wenn das, was sie  bewahren sollen, zur persönlichen Verfügungsmasse wird, dann ist das Unglück groß, dann droht das Leben in einer Diktatur. In Gemeinde, Verwaltung, Land und Stadt.

Die Diktatur zur Zeit des Mose hieß Pharao. Nagen an den Fleischtöpfen Ägyptens.

Leben in der Diktatur, wo das Brötchen für einen Groschen zu haben ist, aber einer ansagt, was richtig ist und alle machen mit.

 

Wir kennen das. 28 Jahre ist es her. Einer sagt an, was Sache ist und die Masse geht hinterher.

1989 wollten das viele nicht mehr. Sie wollten nicht mehr, dass einer für alle den Weg vorgibt.

 

Viele von uns haben Freiheit gewollt, Freiheit und Veränderung, das Recht mitzubestimmen, wohin die Reise geht.

Pioniere wollten keine Pioniere mehr sein, die auf Anordnung im Stadtpark das Laub fegen gehen, sie wollten bestimmen, wo die Bäume stehen.

Menschen wollten sagen, was sie denken und fühlen, ohne dafür ins Gefängnis zu gehen.

Freiheit. Dafür sind wir 1989 auf die Straße gegangen. Dafür habt ihr die Fleischtöpfe Ägyptens verlassen. Das billige Brot und den FDGB-Ferienplatz. Die scheinbar geordnete Welt.

 

Heute herrscht wieder vielerorts Unzufriedenheit. Die Bundestagswahlen haben das gezeigt. Der Ruf nach Ordnung und einer starken Hand ist nicht weit. Der Auszug aus Ägypten, aus der Diktatur, ist kein Einzug in eine heile Welt.

Gott schenkt uns eben kein Paradies. Aber er verheißt uns ein weites, offenes Land und er sagt: Steh auf, bring dich ein! Es soll Freude und nicht Angst bei euch sein!

 

Manchmal ist es ja leichter, einem Leithammel hinterher zu laufen und zu sagen: Liebe Politiker, macht ihr mal. Lieber Pharao, regiere doch du, dann können wir in der Not auf dich schimpfen.

Manchmal ist es leichter, auf die Regierung, den Stadtrat, den OB wütend zu sein, als aufzustehen und selber Wege ins Bessere zu ebnen.

 

Der Weg ins gelobte Land ist weit. Es ist ein Weg, der Arbeit macht und uns alle in Verantwortung ruft:

So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk aus Ägypten führst. Aber Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich das kann?

 

Sollten das nicht lieber andere tun? Das ist eine kindlich, bequeme Frage. Drücken gilt nicht, sagt Gott.

Geh hin zum Pharao und sag ihm, dass mein Volk nicht länger bei ihm bleibt.

Denn ich hab euer Elend gesehen und bin herniedergefahren, dass ich euch herausführe aus der Not.

 

Gottes Wort, eine Flamme, ein Feuer im Busch, eine Stimme, die uns im Dunkeln sagt: Ich will nicht, dass ihr im Elend bleibt. Sein Wunsch: es werde gut!

 

Es gehört ganz schön viel Mut dazu, vor die Herren der Welt zu treten und zu sagen, es reicht.

Ihr alle habt diesen Mut gehabt, als ihr 1989 aufgebrochen seid, manche von euch mit Kerzen in der Hand. Ein Licht, das sagt: es reicht.

Und heute gehört ganz viel Mut dazu, die Kerzen nicht wieder aus der Hand zu legen, die Hände nicht zur Faust zu ballen, wenn nicht alles wie geplant läuft.

Die Welt ist im Umbruch. Das macht Angst. Und die Flüchtlingskrise vor der wir stehen, ist die Rückseite des Reichtums in der Welt.

 

Manchmal ist der Pharao kein Regent, kein Staat und kein Erich Honecker, manchmal ist das, was bedrückt ein Gefühl, das Gefühl, dass keiner mich sieht.

Und manchmal ist der Pharao mein blinder Fleck. Ich erkenne nicht, was noch möglich ist, damit es für alle besser läuft.

 

Du siehst mich. Unter diesem Motto haben wir in diesem Jahr den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg gefeiert.

Du siehst mich. Du hast ein Auge auf mich. Mein Leben ist Dir nicht egal.

Haben wir einander im Blick? Oder sehe ich nur, was ich gerade brauch?

 

Diktatur beginnt mit meinem eingeschränkten Blick. Wenn nur noch gilt, was ich will und brauch, dann ist die Diktatur nicht mehr weit.

Das Schönste, was wir einander schenken können, ist ein Blick, ein Wort, ein offenes Ohr.

In einer Zeit, in der sich viele nicht mehr gesehen fühlen, hat Kirche viel zu tun. In einer Zeit, in der wir in den Medien und sozialen Netzwerken immer gnadenloser miteinander umgehen, hat Kirche ganz viel zu tun.

Wir alle haben viel zu tun, hüten und bewahren: nicht nur Kirchengebäude, sondern Menschen, egal, wer sie sind und woher sie kommen.

Hüter meines Nächsten sein, nicht gleich der ganzen Welt, aber wenigstens meines Nächsten. Des Menschen, der gerade vor mir steht.

Leben hüten und bewahren. Das ist unser aller Würde und Amt. Priestertum aller Gläubigen hat Martin Luther das mal genannt, weil Gott jeden von uns in die Verantwortung ruft, Fürsprecher des Schwachen zu sein. Er ruft jeden, nicht nur den Pfarrer oder Mose:

Ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk aus Ägypten führst.

 

Aufstehen gegen das, was Menschen bedrückt und hüten, was mir anvertraut ist.

Ich weiß nicht, ob ich gleich alles kann, was mir mein neues Amt abfordern wird, aber ich glaube, dass Gott mir helfen wird meinen Mund für andre aufzutun und zu reden von dem, der im Dunkeln spricht als Flamme, die keinen verzehrt.

 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN

 

 

 

Abschiedsgottesdienst                                                                                         Jes 40,1-11 | 17. September 2017 | Stadtkirche Wittenberg

 

Als ich im Januar 2012 hier meinen ersten Gottesdienst gefeiert habe, gab es hinterher einen Empfang im Katharinensaal und als alle Grußworte zu Ende waren, war ich an der Reihe.

Ich bin ich ans Mikro getreten und habe gesagt: Ich fühl mich wie Alice im Wunderland. Als würde ich einen Raum betreten, den es eigentlich nur in Büchern gibt.

Denn Wittenberg war für mich bis dahin nur ein Ort gewesen, der in Geschichtsbüchern steht, der Ort, wo Martin Luther seine Thesen veröffentlicht hat, 

und es war der Ort meiner Ausbildung am Predigerseminar gewesen, ein Ort des Lernens und Reflektierens darüber, wie Kirche und Pfarramt ganz praktisch geht.

und dann ist es mein Arbeitsort geworden.

Es gab Kollegen, die haben mich nach meiner Entsendung in diese Stadt immer ehrfurchtsvoll angeschaut, als würde man dadurch ein besserer Mensch werden oder ein besonders wichtiger Theologe.

Staunend sagten Kollegen zu mir: Du darfst in Wittenberg predigen, auf Martin Luthers Kanzel stehen?

Luthers Kanzel steht im Museum, habe ich dann immer gesagt. Ich habe diesen Tanz ums Goldene Kalb der Lutherkanzel nie verstanden.

Denn egal, auf welcher Kanzel ein Pfarrer steht, es geht immer um Menschen und um Gottes Wort. Tröstet, tröstet mein Volk. Redet mit Jerusalem freundlich.

Natürlich ist Wittenberg ein besonderer Ort, weil sich hier so viel Geschichte ereignet hat. Geschichte, die unsere Welt verändert hat und bis heute nachwirkt in unserer Kultur

und Wittenberg und diese Kirche sind voller historischer Schätze.

Aber der Schatz der Kirche besteht nicht in Steinen, in Silber und Gold. Nicht Luthers Kanzel oder Cranachs Werken.

Der größte Schatz der Kirche ist Gottes Wort, das Fleisch geworden ist im Menschen.

Der größte Schatz an diesem Ort seid ihr. Der größte Schatz für mich, seid ihr gewesen: Menschen, mit denen ich beten, singen und das Leben feiern konnte.

Menschen, mit denen ich am Taufstein und an Gräbern stand, mit denen ich Gottes Wort nachgespürt hab an der Elbe, auf dem Wasser, auf der Laufstrecke, auf dem Rad.

Das war für mich der größte Schatz, und keine Kanzel und kein goldlackiertes Bild kommt dagegen an.

Tröstet, tröstet mein Volk! Redet mit Jerusalem freundlich

Dass wir in dieser Kirche in einem Weltkulturerbe sitzen, ist kulturgeschichtlich wertvoll und interessant, aber mit Blick auf Gott ist all das nichtig und vergänglich, wie die Baumaßnahmen aller Jubeljahre uns beweisen.

Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, sagt Jesaja. Kirchengebäude werden baufällig, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. Das ist für mich das Wunder der Welt.

Tröstet, tröstet mein Volk. Redet mit Jerusalem freundlich. Darauf kommt es an und das macht Kirche vor Ort aus. Dass wir uns unserem Nächsten zuwenden, ein gutes Wort füreinander haben.

Wir haben dieses Jahr in Wittenberg einen einzigartigen Sommer erlebt. Weltausstellung in Wittenberg. Reformationssommer.

Was ist Reformation? Diese Frage hat uns über den ganzen Sommer hinweg bewegt. Es wurden Geschichtsbücher gewälzt und auf Kongressen die Folgen von 1517 analysiert.

Kirchen aus aller Welt haben sich und ihre Arbeitsbereiche präsentiert. Aber die Frage bleibt: Was ist Reformation? Und wie bekommen wir das wieder hin, eine Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern?

Eine Kirche, die nicht in alten Strukturen stecken bleibt, sondern sich stark macht für Menschen. Eine Kirche, der es nicht egal ist, ob jemand getröstet lebt und stirbt - Wie bekommen wir das hin?

Reformation heißt für mich - Mich meinem Nächsten zuwenden und wissen: aus der Nummer komm ich auch nicht heraus, dass ich mit verantwortlich bin, wie die Welt funktioniert, was vor Ort läuft und was nicht. Freiheit eines Christenmenschen.

Tröstet, Tröstet mein Volk. Redet mit Jerusalem freundlich.

Als Martin Luther vor 500 Jahren hier seine Thesen veröffentlich hat, da hat er das nicht mit Blick auf die Geschichtsbücher getan, um große Worte zu machen und berühmt zu werden, auch nicht, weil er dem Papst mal zeigen wollte, wo der Hammer hängt oder weil er meinte, eine weltbedeutende Botschaft zu haben.

Er hat seine Thesen veröffentlicht, weil er gesehen hat, dass Menschen ausgeschlossen sind von der Feier des Lebens, vom Gottesdienst durch eine Sprache, die sie nicht verstehen, durch Dogmen, Ablässe, Angst.

Redet mit Jerusalem freundlich. Sagt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat.

Menschen auf ihre Freiheit hinweisen, du bist mehr als das, was du kannst. Menschen auf ihre Freiheit und Verantwortung hinweisen, das ist unser Job. Das ist nicht nur der Job des Pfarrers, sondern unser aller Amt und Würde. Mich meinem Nächsten zuwenden, egal woher er kommt.

Und das geht nur von Mensch zu Mensch. Im Gespräch. Dazu muss man Beziehungen knüpfen.

Das ist manchmal mühsam, das macht Arbeit, das geschieht oft Verborgenen, in der Stille, und auch dort, wo es stinkt. Das ist nicht immer publicityträchtig. Aber das ist unser aller Job. Redet mit Jerusalem freundlich.

Das sind Dinge, die keine Statistik abbilden kann. Gespräche, die uns bewegen, wie die zahllosen Gespräche in diesem Sommer, die noch nachwirken, wenn alle Zelte längst abgebaut sind. Reformation im Herzen.

Tröstet, tröstet mein Volk und redet mit Jerusalem freundlich.

Hin und wieder wird mit Blick auf die Mitgliedszahlen der Kirche gesagt: wie soll das nur weitergehen, wir werden immer weniger. Ich mache mir um die Zukunft der Kirche keine Sorgen.

Wo Kirche ihren Auftrag erfüllt, wo sich einer dem anderen zuwendet, da geht Kirche nicht unter.

Da zeigt sich inmitten der vergänglichen Welt, das was uns trägt und was bleibt.

Wenn ich im Pflegeheim Gottesdienst gefeiert habe und vor Menschen stand, die wussten: ich komme hier nicht mehr heraus.

Das ist der letzte Ort, an dem ich wohne und meine Gebrechen, die gehen nie mehr weg – da habe ich immer gedacht, mein Gott, was ist das groß, dass wir im Angesicht der Vergänglichkeit auf etwas bauen dürfen, das bleibt.

Dass wir von einem Gott erzählen dürfen, der die Schmerzen kennt und mit an Gräbern steht. Ein Gott, der da ist und bleibt.

Reformation. Mich meinem Nächsten zuwenden vor Gott. Abseits des Blitzlichtgewitters. Tröstet, tröstet mein Volk.

Das ist banal, kann man sagen, das macht keine Schlagzeilen, das verkauft sich nicht. Aber so ist das nun einmal mit einem offenen Ohr und einem erlösenden Wort.

Ich glaube, dass Kirche heute in der Versuchung steht, im lauten Trubel mithalten zu wollen und dieses unspektakuläre Dasein für meinen Nächsten oft hinten runter fällt.

Und vielleicht steht eine Gemeinde wie Wittenberg in der doppelten Versuchung vor lauter Festgottesdiensten und Zeremonien das Eigentliche zu vergessen: mich meinem Nächsten zuwenden. Tröstet mein Volk.

Das ist ein Drahtseilakt und nirgends ist er vielleicht so schwer wie hier, in einer Stadt, die so viele Blicke und Besucher auf sich zieht, aufgrund ihrer historischen Schätze.

Die Versuchung ist groß, hier nur das Silber und Gold der Vergangenheit zu putzen und darüber den größten Schatz zu vergessen, den Gott uns gegeben hat, sein Wort: Ich bin bei euch bis ans Ende der Welt.

Tröstet, tröstet mein Volk und redet mit Jerusalem freundlich.

Ich wünsche euch, dass ihr dran bleibt an diesem Auftrag und Gottes Wort. Dass ihr es wagt, euer Leben miteinander zu feiern und eure Grenzen aushaltet. Dass ihr redet, von dem, woran ihr zweifelt und glaubt.

Und ihr habt heute nach der Abschiedsfeier bei eurer Gemeindeversammlung die beste Gelegenheit zu fragen, wo sind wir wie für wen unterwegs, womit und wen haben wir im Blick?

Wie werden wir den Schätzen der Geschichte gerecht und wo reden wir vom Schatz unseres Glaubens? - Das zu diskutieren, ist heute die beste Gelegenheit. Ich werde da nicht mehr dabei sein.

Ich breche auf ins Altenburger Land. Mit ganz viel Reformationsgeschichte im Rücken und mit dem Wissen: dass Gott da ist und sich zeigt: Im Angesicht meines Nächsten – so wie er sich mir gezeigt hat in eurem Angesicht, ihr Lieben, weil ihr mit eurer Liebe  Gottes Ebenbilder seid. 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN.

 

 

 

 

Trauergottesdienst für Diana Patricia                                                           Mk 10,13-16 | 5. September 2017 | Stadtkirche Wittenberg

 

Und sie brachten Kinder zu Jesus, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

 

Liebe Ingrid, liebe Trauergemeinde!

Diana Patricia - ein Gotteskind. Immer vorne dran. Immer mit Blick in die Zukunft gelebt und immer auf dem Rad. So habt ihr sie gekannt und so sehen wir sie heute auch auf dem letzten Foto, das von ihr entstand. Auf dem Rad, denn sie ist gerne Rad gefahren. Eine junge Frau, die das Leben sorglos genießen kann.

 

Diana Patricia war für viele von euch ein Vorbild, eine Frau, die ganz genau wusste, was sie wollte und sie war dein großes Vorbild, liebe Ingrid.

Deine große Schwester, obwohl sie viele immer für die kleinere gehalten haben. Deine Schwester, die Gott mit so vielen Talenten beschenkt hatte: Musik, Mathematik, Kunst und Sprachen. Die Sachen fielen ihr zu und waren für sie leicht wie Schmetterlinge.

 

Und sie hat sich nie einen Kopf um Probleme gemacht. Sie hat das Leben genossen, wie es kommt und sich nichts vorschreiben lassen. Sie hat immer ihren eigenen Weg gesucht mit anderen Menschen zusammen.

 

Als die Möglichkeit bestand, hierher nach Deutschland zu kommen, war klar: sie fährt.

Sie geht weg von zu Hause, auch wenn sie noch so sehr an dir hängt. Was ich an meinem Leben liebe, hat sie mal gesagt, das ist meine Schwester, „das bist du, Ingrid.“ Sie war dein Vorbild, deine Freundin, und dein Ansporn: Sprachen zu lernen, zu studieren, die Welt zu sehen. So wie Diana wolltest du immer sein und ihr habt alles zusammen gemacht.

 

Diana, die ihrem Papa so ähnlich war, die so gut zeichnen konnte wie er und sein Temperament geerbt hatte.

Diana, die ihrer Mutter so ans Herz gewachsen war, weil sie als Kleinkind so oft krank war und tagtägliche Sorge um sie bestand.

 

Niemals hättet ihr zu Hause gesagt: bleib hier Diana, es war klar: egal wie schmerzhaft der Abschied wird – dieses Kind muss raus in die Welt, die Welt muss dich kennen lernen, habt ihr euch gesagt und ihr wart glücklich, dass sie hier in Wittenberg genau den richtigen Platz gefunden hatte: hier war ein Ort für ihre vielfältigen Talente.

 

Willst du dir nicht lieber einen Job suchen, was Sicheres machen und nicht dieses Freiwilligenjahr? Das hast du deine große Schwester vor der Reise gefragt. Nerv mich nicht, hat sie gesagt!

Sie ist lässig gewesen, immerzu. Sie hat sich wegen ihrer Zukunft nicht fertig gemacht und als du nicht mehr wusstest, wie du ohne sie zu Hause leben und einschlafen sollst, weil du immer mit ihr zusammen warst, hat sie dir gesagt: dann lernst du das jetzt, meine liebe, kleine Schwester.

 

Sie hat dir was zugetraut, Ingrid. Sie hat euch allen was zugetraut. Und sie hat das, was sie dachte und für richtig hielt, niemals versteckt.

 

Together we are stronger! Das war ihre Message, ihre Botschaft an die Welt! Gemeinsam sind wir klüger, stärker, schöner, als jeder nur für sich allein. Die große Party: 500 Jahre Reformation, dazu ist sie nach Wittenberg gekommen.

Sie ist nach Wittenberg gekommen, um mit euch diesen Gott zu feiern, der das Leben schenkt, der erlöst und befreit. Und sie hat euch alle inspiriert

 

 

Diana Patricia war immer vorne dran und wenn es irgendwas gab, was neu anstand, dann hatte sie sofort einen Plan. Sie war für euch wie eine Mutter. Sie wollte keine Kinder in die Welt setzen. So wie die Welt jetzt ist, ist das unverantwortlich, hat sie gesagt. Das war nicht ihr Plan, aber für andere da sein und sich stark machen für sie, das wollte sie.

 

So war sie auch in eurer WG wie eine Mutter: unerbittlich und zugewandt. Sie hat sich für andere stark gemacht.

Selbstlos, offen und zugewandt, so habt ihr sie erlebt.

Sie wusste, was sie wollte und sie trat dafür ein.

Gerechtigkeit, zwischen jung und alt, zwischen Frau und Mann, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

 

Sie hat sich eingemischt und engagiert. Ihr habt Workshops mit ihr organisiert und sie hatte immer Ideen und einen Plan und es gab scheinbar nichts, was sie nicht konnte: stricken, Wunden versorgen, koreanisch lernen vom bloßen Seriengucken.

 

Klavier spielen konnte sie und hatte in ihrer Heimatgemeinde schon die Gottesdienste begleitet und manchmal habt ihr euch gefragt, welches Instrument konnte sie eigentlich nicht?

Und sie hat euch in der WG auf die Finger gehauen, wenn ihr eure Küche nicht richtig geputzt habt, dann stand sie da: wie eine Mutter, taff und streng und sagte: mach das richtig, bis ins letzte Eck.

Sie hat es euch nicht durchgehen lassen, dass ihr euch gehen lasst und euch abfindet mit Schmutz oder Ungerechtigkeit. So war sie, Diana Patricia, wie eine Mutter für euch.

 

Im Streit der Meinungen hat sie zugehört und versucht, die Position des anderen zu verstehen, über alle Differenzen hinweg. Sie hat euch ernst genommen, auch durch ihre Kritik. Sie war geduldig mit euch, geduldig und streng und sie hat akzeptiert, was passiert. Jammern wäre nie ihr Ding gewesen, sie wusste, was sie nicht ändern kann und sie hat auf das geschaut, was sie ändern kann.

Sie hat von einem Leben und Projekten geträumt, z.b. mit Straßenkindern in Kolumbien.

 

Und sie brachten Kinder zu Jesus, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.

Kinder haben zu Jesu Zeit keinen Stellenwert gehabt. Wer gibt sich schon mit ihnen ab, sie kosten nur, sie können nichts. Kinder am Ende, inmitten der Welt. Als es aber Jesus sah, wie die Jünger mit den Kindern umgingen, sagte er: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.

 

Jesus und die Ungerechtigkeit, das geht einfach nicht zusammen. Er trat ein für die, die ausgeschlossen waren.

Diana wandelte in Jesu Spuren. Gerechtigkeit, das musste sein, da ließ sie nicht locker.

Sie hat sich stark gemacht dafür, dass keiner ausgeschlossen bleibt, z.B. in unseren Gottesdiensten, dass mehr englisch und spanisch gesprochen und gesungen wird, weil es einfach nicht geht, dass man dasitzt und nichts vom Evangelium versteht. Übersetzen, das tun wir heut.

 

Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht. Überwindet die Ungerechtigkeit, die Faulheit und die Tradition. Hinterfragt mal, was ihr da sagt und denkt und was für euch so selbstverständlich ist, dass es scheinbar nicht anders möglich ist. Lasst die Kinder zu mir kommen.

Together we are stronger. Wir können gemeinsam etwas lernen und entdecken, das wir als Einzelne nie entdecken. Together we are stronger.

 

Diana wollte Grenzen einfach nicht hinnehmen. Sprachgrenzen genauso wenig wie Denkmuster, die einfach nur menschenfeindlich sind. Wie viele Sprachen kann ein Mensch lernen? Alle, wenn er das liebt und will. Wie viele Instrumente spielen? Wie viele Bäume umstricken?

 

Morgen, am Mittwoch bricht die letzte Themenwoche an, Botschaften aus Wittenberg, vom Reformationssommer. Botschaften an die Welt.

 

Es gibt Menschen, die sagen in Deutschland: es gibt keinen Gott, denn wenn es ihn gäbe, würde es nicht so viel Unrecht in der Welt geben, wenn es ihn gäbe, würden keine Unfälle passieren wie der von Diana. Dann würde Gott seine Engel um uns stellen und aufpassen, dass uns kein Unglück passiert.

 

Ich glaube nicht an so einen Gott, ein Gott, der mich vor allem bewahrt. Ich glaube an einen Gott, der im Glück und im Unglück mich umfängt und seine Engel um mich stellt.

Ich glaube an einen Gott, der Kinder und Erwachsene umarmt, der jeden liebt und zu sich ruft.

Ich glaube an einen Gott, der sagt: so, das ist jetzt dein Platz, das ist dein Ort, schau dich um, bring dich ein, du bist frei mit deinem Talent was zu tun, fang an, ich bin leise mit dabei. 

Ich glaube nicht an einen Gott, der mir jeden Handgriff abnimmt im Leben. Ich glaube nicht an den großen Aufpasser, der alles lenkt und macht.

Aber ich glaube an einen Gott, der aus allem, auch aus dem Schlimmsten Gutes erwachsen lassen kann.

Ich glaube an Gott, der das Leben schafft und das Leben liebt, der unsre Schmerzen kennt, meine Verzweiflung und meine Wut und der durch den Tod hindurchgegangen ist und alle Grenzen überschreitet.

Ich glaube an diesen Gott, der da ist und sagt: Hier bin ich. Ein Gott, der meine kleine Kraft kennt und mir sagt: egal, wie begrenzt du auch bist, mach was draus, nutz diesen Tag, genieße wie ein Kind das Leben, das du hast, bring dich ein, pack mit an, dass diese Welt einmal meine wird: ein Reich, in dem jeder mitreden kann. an so einen Gott glaube ich, an einen, der das Leben liebt und Leben schenkt im Tod.

 

Was ist eure Botschaft an die Welt?

Dianas Botschaft an die Welt war dieser kleine Satz: together we are stronger! Let´s do it, let´s make it together! Im Anschluss an den Gottesdienst werdet ihr ihn in den Himmel aufsteigen lassen mit Luftballons und wer weiß, vielleicht verfängt sich irgendwo einer und Dianas Satz bringt Menschen zum Nachdenken und Träumen von einer anderen Welt. Together we are stronger.

Was glaubt ihr und worauf hofft ihr?

Worauf vertraut ihr in dieser Welt?

 

Die Jünger Jesu haben immer nur auf das vertraut, was andere ihnen vorgelebt haben und sagten. Kinder sind nix wert, weil sie nix leisten können war so eine Floskel. Es geht ganz schnell, dass man sich beschränkt auf das, was angeblich Standard ist. Es geht schnell, dass man nichts mehr hinterfragt. Die Jünger haben einfach Standard gemacht. Sie haben den Kindern deshalb gesagt: geht weg. Denn ihr seid vor Gott nix wert.

 

Aber Jesus hat ihnen das nicht durchgehen lassen und das war gut. Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht und wer das Reich Gottes nicht aufnimmt wie ein Kind, der wird das Leben nie begreifen. Weil Jesus sich stark gemacht hat für die Schwachen, sitzen wir heute hier. Tatkräftige Leute, die was drauf haben und Typen, die nicht so viel wissen und können, alle in einer Bankreihe vor Gott.

 

Weil Jesus sich stark gemacht hat für die Schwachen, hat Martin Luther vor 500 Jahren gesagt: Weg mit der Spende für einen gnädigen Gott und weg mit der lateinischen Liturgie. Nichts soll mich trennen von Gott. Kein Papst, kein Ablass, keine Sprache. Jeder soll selber lesen und hören können, was Sache ist und er hat uns die Bibel übersetzt und Lieder in der Muttersprache geschenkt.

Weil Jesus sich stark gemacht hat für die Schwachen, haben Menschen immer wieder die Kraft gefunden: aufzustehen für andere, sich stark zu machen für Menschlichkeit. Diana auch. Together we are stronger.

 

Es ist ein großes Geschenk im Leben, Menschen wie Diana kennen zu lernen. Menschen, die uns mit ihrer ganzen Art und Weise berühren: Nichts ist egal. Alles kann gerechter werden, wenn wir anfangen nachzudenken, wie wir miteinander leben wollen, uns ernst nehmen und respektieren. Es ist nicht egal, ob die Küche geputzt ist oder nicht. Es ist nicht egal, ob Kinder lesen können oder nicht. ob sie auf der Straße zugrunde gehen oder nicht. Denn kein Mensch ist Gott egal.

Als Diana nach Deutschland aufgebrochen ist, hat sie dir, liebe Ingrid, versprochen: wenn ich zurückkomme nach Kolumbien, dann machen wir ganz viel gemeinsam. Vor einer Woche ist sie hier in Wittenberg bei einem Unfall ums Leben gekommen.

 

Diana zu verlieren, das tut unglaublich weh. Das ist eine Wunde, für die es kein Pflaster gibt. In unseren Herzen, sagtest du, liebe Ingrid: in unsren Herzen ist keine Bitterkeit. Wir vertrauen auf Gott, der uns tröstet in aller Trübsal.

Eure Wege müsst ihr jetzt ohne Diana gehen. Ihr Platz bleibt leer, aber ihre Liebe, bleibt und das, wofür sie auch nach Wittenberg kam – das bleibt auch: Gott, der uns zur Gemeinschaft ruft, together we are stronger und wir sind frei, auch in Jesu Spuren zu wandeln.

 

Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.

Wir haben das Reich Gottes mit Diana in Wittenberg aufblitzen sehen, in der gemeinsamen Freude und Sorge für die Welt. und meine Hoffnung ist: ein Wiedersehen, dass sie aufsteht mit uns in Christus und das Antlitz der Erde verwandelt. AMEN

 

 

 

 

Gen 1 | 15. Juli 2017 | Wittenberger Elbestrand

 

 

Als ich im Winter mit dem Wittenberger Kanuverein eine Fahrt von Pretzsch bis zu diesem Strand mitgemacht habe, dachte ich nur: wie herrlich verschieden ihr doch seid.

Da gibt es die einen, die fahren am liebsten allein, weit voraus auf der jene, da geht das Paddeln nicht ohne Gespräche ab mit Leuten rechts und links.

Und alle sind sie unterwegs auf demselben Strom. Die Typen, die gerne die ersten sind und die Typen, die fürsorglich, vorausschauend fahren und rufen: Achtung, Tanker voraus! und jene, die verträumt aufs Ufer schauen und die herrliche Landschaft genießen.

So wunderbar verschieden hat Gott uns gemacht: den einen groß, den anderen klein, polternd laut den einen und manche im Herzen ganz leis.

Alles, nur nicht einfach ist der Mensch, sondern vielfältig und wunderbar kompliziert.

 

Und Gott schuf den Menschen, zu seinem Bilde schuf er ihn und er schuf ihn als Mann und Frau.

 

Als lautes und leises Exemplar, als stark und schwach, als Weltmeisterin und blutige Anfängerin in den Strudeln der Elbe.

Fleißig die einen und träge, die anderen. So verschieden hat Gott uns gemacht.

Und keiner muss wie der andere sein, jeder kann bleiben, wie er ist, gemeinsam, den anderen stets im Blick, dazu hat Gott uns gemacht. er schuf von uns nicht nur ein Exemplar, nein, er machte uns verschieden, so ergänzen wir uns. Einer möge des anderen Helfer sein. So hat Gott uns erdacht.

 

Wer weiß, ob ihr im echten Leben Freunde wärt und gemeinsam auf Reise gehen würdet von Decin bis an die Mündung der Elbe.

Wer weiß, ob ihr es miteinander aushalten würdet im Alltag, wenn da nicht eure gemeinsame Leidenschaft für das Kanufahren wär.

 

Das Schöne beim Kanufahren in der Gruppe ist, es geht leichter, weil wir verschieden sind, es geht leichter, wenn es die Kundschaftertypen gibt, die weit voraus und alleine fahren, denn die sehen, was da an Gefahren kommt und können die anderen warnen.

Es geht leichter, wenn wir verschieden sind und einer den andren ergänzen kann.

In kleinen Gruppen kann sich einer auch mal in die Mitte zurückziehen und ausruhen auf denen, die rechts und links neben ihm fahren, denn der am Rand, der passt auf mich auf!

 

Soll ich meines Bruders Hüter sein? Hat Kain seinen Herrgott einst gefragt.

Soll ich etwa aufpassen auf diesen Typ, der so vollkommen anders ist als ich und so ganz andere Sachen wünscht und denkt?

Ja, hat Gott zu Kain gesagt, ja, du sollst das Leben deines Bruders bewahren, dazu hab ich euch so verschieden gemacht, dass ihr euch gegenseitig ergänzt.

 

Liebe Kanuten, ihr wisst, was das heißt, dass Gott uns in Vielfalt erschaffen hat.

Ihr wisst, was es heißt, gemeinsam auf einem Strom unterwegs zu sein und das Leben, die Schöpfung zu bewahren.

„7. Leitsatz des Kanuwandersports: Erfreuen Sie sich an der Natur!“ Und bewahren Sie, was Sie da finden!

Wenn ihr gemeinsam auf dem Wasser seid, habt ihr nicht nur die Schönheit der Natur im Blick, sondern auch den Typen nebenan, egal wie sympathisch er euch ist.

Nennt es Sportsgeist oder Hilfsbereitschaft, Selbstverständlichkeit, dass einer den anderen nicht untergehen lässt.

Die Bibel nennt das: Hüter sein und das Leben des andren bewahren.

 

Und Gottes Geist schwebte auf dem Wasser, ein Geist, der uns verbindet, egal wie weit voraus einer fährt. Wir sind gemeinsam auf dem Strom des Lebens unterwegs, in dem Fluss fährt keiner allein.

Auf dem Wasser verbindet uns eine Leidenschaft. Ein Geist, der über allem schwebt.

An Land hat uns der Alltag schnell wieder im Griff.

Sehr schnell, sagt z.B. die Vernunft und schlägt erstmal das eigne Zelt auf und schaut dann erst, was der andere braucht.

Sehr schnell verlieren wir uns aus dem Blick, sagt der Hunger und fährt schon mal zur Gaststätte voraus; hat das erste Schnitzel schon verdrückt, wenn der letzte noch im Eiswasser ist.

Sehr schnell verlieren wir uns aus dem Blick, wenn das eigene drängt und drückt. Das ist so, dafür muss sich keiner genieren.

 

Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Ich soll mich ja lieben und sorgen für mich, aber wenn das getan ist, bitte auch auf andere sehen und tun, was mein Nächster grad braucht.

Gottes Geist schwebte auf dem Wasser, die Kunst ist, den mit an Land zu nehmen.

 

Letzte Woche – an der Elbe – einige Hundert Kilometer flussabwärts: Hamburg G 20 Gipfel.

Gewaltexzess und Randale.

Wenn jeder nur an das denkt, was er will und braucht und das eigene absolut setzt, dann knallt es in der Welt.

 

Füllet die Erde und machet sie euch untertan

Es gibt Leute, die das missverstehen und drücken anderen ihren Willen auf, so sollst du leben, so sollst du sein. Extremismus und am Ende Gewalt.

 

Sich die Erde untertan machen, ist wie paddeln gehen.

Ich muss mich einbringen mit dem, was ich bin und kann, mit meinem Wissen und Sachverstand, die Buhnen umschiffen, auf Strudel sehen, damit ich und andre ans Ziel kommen. Aber das Wasser besiegen, werde ich nie.

Das ist und bleibt und fließt um mich herum, ich muss lernen, mit den Kräften der Natur umzugehen, ohne darin unterzugehen. Mir die Dinge untertan machen, ohne sie zu zerstören, mich hineinbegeben und mich mit ihnen sanft mich zum Ziel lenken.

Das weiche Wasser bricht den Stein, das Wort, das Frieden sucht und bringt.

 

Wir sitzen alle in einem Boot und das Boot zerreißt, die Gemeinschaft zerbricht, wenn ich meinen Nächsten aus den Augen verliere.

Die Gesellschaft zerbricht, wenn ich mich als Mittelpunkt versteh und vergesse, wer rechts und links neben mir fährt und mich sichert im Strudel der Welt.

 

Vor drei Jahren hat die internationale Elbefahrt schon einmal Halt in Wittenberg gemacht.

Da haben wir schon einmal hier gesessen am Strand, viel Wasser ist seither die Elbe hinunter geflossen.

Unzählige Flüchtlingsboote sind an Europas Küsten gestrandet. Jeder Mensch verändert die Welt.

Die Grenzen sind fließend und jene, die am Rand stehen, warnen uns.

In der Mitte der Gesellschaft lebt es sich für mich zwar gut, aber nur, solange ich auch auf jene sehe, die am Rand der Gesellschaft sind.

 

Das weiche Wasser bricht den Stein, der Blick, der auf das Wohl des anderen schaut.

Soll ich meines Bruders  Hüter sein? Fragte einst Kain. Ja, das sollst du, sagt Gott.

 

Eine Gemeinschaft ist immer nur so stabil und stark, wie sie Acht gibt auf jene am Rand.

Gott hat mich im Blick und er hat jene im Blick, die am Rande sind und er ruft mir zu: Gib Acht! Halte ein! Im Strom des Lebens ist keiner allein!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir verstehen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN

 

 

 

 

Jes 43,2 | 5. Juni 2017 | Wittenberg

 

 

Pfingsten. Taufe. Brennender Geist:

 

Ihr sollt Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Jule fährt jedes Jahr. Sie hat Urlaub genommen. Unbezahlt. Sie ist das dritte Mal draußen auf dem Meer. Das Boot schwankt. Sie will Leben retten. Zu Hause geht ihr Sohn noch zur Schule. Noch ein Jahr, dann hat er sein Abi gemacht und Jule fährt übers Meer.

Bist du verrückt, haben ihre Freundinnen gesagt. Wovon willst du leben? haben die Eltern gefragt. Was soll aus dem Jungen werden? Fragen. Freunde, Verwandte. Und der Vorwurf im Blick: du Rabenmutter. Heillose Träumerin. Als könntest du nun die Welt!

 

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Leben retten im Meer.

 

Jule hat sich ausbilden lassen zur Sanitäterin. 9 Monate ist sie in Deutschland und macht, was sie kann, Sozialamt, Papier, Verwaltungskram.

Aber kaum ist sie im Amt, hält sie es nicht aus. Die Bilder, die Ruhe, die Fassungslosigkeit. Sie fährt auch dieses Jahr wieder mit raus.

 

Du musst Gott mehr gehorchen als den Menschen. Dass die Wasserfluten dich nicht ersäufen.

Taufe. Einen Menschen aus dem Abgrund ziehen hinein in die Gemeinschaft der Lebenden.

Und Pfingsten: ein Ich, ein Du, ein Und, ein Geist, der zwei Menschen heilsam verbindet.

Dass die Wasser dich nicht ersäufen.

 

Malik kam nicht übers Meer. Er hat das Flugzeug genommen aus dem Libanon. Dort sitzen noch seine Verwandten. Warten. Leben auf der Flucht.

Für Malik ging die Reise weiter, durch Europa zu Fuß und mit dem Bus. In Ungarn waren die Tore weit auf. Unser Land wird für euch nur ein Tunnel sein. Da wollte sie keiner. Geht weiter!

Dass dich die Wasser nicht ersäufen.

 

Was für ein Gott ist das? Der rettet und ins Leben zieht. Weg von dem Krieg, der Häuser und Menschen zerstört.

Was für ein Gott, der die Geschichten von der Heimat auch in der Fremde am Kochen hält und die Tränen trocknet in der Nacht.

Was für ein Gott ist das, der uns nicht schlafen lässt, wenn nebenan jemand weint?

Ein Gott, ein Mensch, der uns sanft berührt.

Pfingsten. Taufe, brennender Geist. Lebenshunger und –atem.

 

Als Malik das erste Mal in der Kirche war, hat der Pfarrer gefragt: woher kommst und wann gehst du wieder nach Haus? Gastfreundschaft sieht bei uns anders aus, hat Malik leise gedacht.

Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt.

Sein Gott ist ein Gott, der Herbergen baut, der Menschen begrüßt und gibt, was er braucht. Malik versteht den Unterschied nicht, zwischen evangelisch, katholisch, reformiert.

Aber er ahnt, wo Gottes Geist wohnt: in den Menschen, die mit offenen Armen dastehen, retten und begrüßen.  

Dass dich die Wasser nicht ersäufen sollen. Taufe. Pfingsten, Reformation.

 

Ich glaube, Gott fragt nicht nach Religion, nach Konfession, Sitte und Gebrauch. Gott fragt: Wo bist du Adam? Mensch? Wo bist du, Markus, Jule, Astrid?

Wo stehst du? Und was berührt dein Herz? Was leitet dich an und was treibt dich um und hast du dein Leben bedacht?

Gott fragt nicht nach Kult, Dogma, Tradition. Er fragt: wo sind sie meine Ebenbilder in dieser Welt?

Wo bewahrt ihr das Leben? Wo pflegt ihr nur die Tradition?

Pfingsten. Taufe. Brennender Geist. Lebenshunger und -atem.

 

Jule glaubt nicht so an Gott. Sie glaubt daran, dass sie helfen kann und dass es nicht egal sein kann, wofür einer sein Leben vertut.

Sie zweifelt an der Kirche, die sonntags redet von Gott und dann doch nicht hingeht mit helfender Hand.

Ihr Gott ist einer, der lebte und litt und Menschen hilft ohne Ansehen der Person, egal, woher sie kommen, egal, wer sie sind, aus allen Orten, aus jeder Religion.

Ein Gott, der einlädt und das Leben liebt und alle als Glieder seines Leibes sieht. Lebensatem und -leib.

Ein Gott, der keine Pässe und Genehmigungen braucht, um mit einem Fremden mitzugehen und ihm Asyl zu geben.

Einer, der fragt: Wo seid ihr, Adam, Verena, Waldemar?

Wo steht ihr? Was ist euer Trost und Halt: bloßes Wissen oder Religion?

 

Das ist das höchste Gebot von Gott: dass wir ihn lieben und unseren Nächsten wie uns selbst und die Liebe ist ausgegossen.

 

Brennender Geist, du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen. Gott gießt Öl ins Feuer der Liebe, die brennt, wie eine Fackel in der Nacht. Und wir sind aufgewacht.

 

Wir sehen die Probleme der Welt.

Wir brechen nicht alle wie Jule auf und fahren hinaus aufs offene Meer, wir fischen keine Menschen aus der Tiefe heraus. Wir kündigen nicht alle unseren Job und gehen bis zur Grenze, Jahr für Jahr. Wir leben hier vor Ort.

 

Die Mutigen unter uns wagen das offene Gespräch.

Die Begeisterten vergessen die Grenzen ihrer Kirche und Konfession. Die Liebenden sitzen bei Fremden am Tisch und fragen: was kann ich tun?

 

Wenn Jule einen Mensch aus dem Meer heraus zieht, ihm die Hand reicht, dass er hinaufkommt ins Boot, dann ist das wie Taufe für sie. Schön, dass du da bist und dass es dich gibt.

Pfingsten. Taufe. Ein Ich, ein Du, ein Und: ein Geist, der zwei Menschen verbindet.

 

Sie lässt die Spötter reden, die Klugen dieser Welt, die Menschen, die fragen: wie viele denn noch?

und ob sie damit nicht nur den Schleppern hilft und was, wenn sie damit Attentäter nach Europa holt? Wie kann sie leben mit so einer Schuld?

 

Jeder ist verantwortlich für das, was er macht. Jeder allein, vor Gott.

Nur weil ein Mensch zu allem fähig ist, kann ich nicht zuschauen, wie er versinkt.

 

Taufe. Pfingsten. Brennender Geist.

Gott rettet, obwohl er nicht weiß, was aus uns wird: Abel oder Kain. Er sagt: Du bist mein Sohn, mein Wohlgefallen. Ein Wort ins Dunkle gesagt. Taufe macht alles rein.

 

Was für Jule zählt, ist nur, dass der Mensch lebt, der sonst ertrunken wär. Mohammed, Abel, Jesus oder Kain.

Erste Hilfe, das ist ihr Gott. Einer, der rettet und den Tod nicht will, sondern Leben, das uns vereint.

 

Die Zukunft der Kirche wird kein Dogma sein, sie liegt nicht in einer Konfession, sondern dort, wo wir uns einander zuwenden.

 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir begreifen und erkennen können, bewahre unser Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN

 

 

 

Lk 24, 1-12 | 16. April 2017 | Wittenberg

 

I

Es gibt Filme, die keiner zurückdrehen kann.

Den Film von Karfreitag, Verrat und Tod,

von Schweigen, Ohnmacht und Duckmäusertum.

 

Jesus hat das ans Kreuz gebracht.

Die Ohnmacht der Frauen, die ihn lieben und nichts tun können außer beten.

Die korrekte Art eines Statthalters,

das Wüten der Menge, die ruft!

All das hat Jesus ans Kreuz gebracht und bringt Menschen noch heute zur Strecke.

 

Unrecht, das keiner wieder gut machen kann, egal wie leid es uns tut. Und es gibt Menschen, die wir lieben und sterben sehen und können einfach nichts tun.

 

Die Frauen haben ohnmächtig zugeschaut, als Jesus abgeführt wurde. Wer hört denn bitteschön schon auf Frauen?

Pilatus hat auch nicht auf seine Frau gehört, und dem Volk gesagt: Dann macht, was ihr wollt! und ging sich die Hände waschen.

 

Und jetzt waren die Frauen ans Grab gekommen, Jesu Leichnam zu pflegen, den Geliebten noch einmal an der Wange berühren.

Die Männer hatten sie gleich zu Hause gelassen.

 

Die hatten ihre Chance gehabt, für Jesus was Gutes zu tun und haben es ja doch nicht gemacht.

Sie haben den Mund nicht aufgemacht, noch nicht einmal gerufen, Halt gerufen! Dabei waren das seine Freunde.

Das alle hätte anders kommen können.

 

Aber so war es nun mal.

Und jetzt standen sie am Grab, der Rollstein war weg, allein hätten sie das gar nicht geschafft, da hat ein Gott geholfen.

 

Und siehe da, der Leichnam fehlt, das Grab ist leer.

Kein Evangelist erzählt, wie Jesus aufersteht.

Sie beschreiben nur das Drumherum: Erdbeben, Engel, Schrecken und Furcht, ein Stein, der fehlt, ein Grab, so leer.

 

Aber keiner sagt, wie das von statten ging: auferstanden, das Grab ist leer und löst Schrecken aus und wer kann sich da schon freuen?

 

Wenn Sie am Grab ihrer Liebsten stehen und der Sarg wäre weg, die Urne nicht da. Sie würden sich auch nicht freuen.

Ich weiß, was Sie jetzt denken: So eins zu eins kann man das nicht sehen.

Aber ich glaube, das mit Jesus, das war eins zu eins, sein Grab war leer und die Frauen erschraken, wie immer wenn Gott uns in die Quere kommt.

 

Sie waren bekümmert, Jesu Leib war weg war. Erst das Leben mit ihm und jetzt auch noch das. Alles pfutsch. Noch nicht einmal die Möglichkeit, ihn zu salben, seine Wange zu berühren. Schönen Dank auch, mein Gott.

 

Und als sie darüber bekümmert waren, siehe, da traten zwei Männer in glänzenden Kleidern zu ihnen. Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er es euch gesagt hat.

 

Alles ist wahr und alles ist schwer. Schwer zu begreifen, nicht nur für Frauen.

Das leere Grab und dieses große Wort: Er ist nicht hier, ist auferstanden. Wie er es euch gesagt hat.

 

Was er sagte, ist also wirklich wahr: Ich werde sterben und dann auferstehen. Wer mir dienen will, soll aufhören, groß zu tun.

Und was ihr einem der Geringsten getan habt, habt ihr mir getan. Ich reiße den Tempel ab und bau ihn in drei Tagen wieder auf. Kein Stein wird bleiben, wo er ist.

 

II

Alles wirklich wahr, sagt das leere Grab und macht hinter alles einen Doppelpunkt: Denn Jesus ist auferstanden.

Gott hat den Film einfach weitergedreht. Er hat ihn nicht zurück auf Anfang gespult.

Was geschehen ist, ist unwiderruflich geschehen, aber es soll noch weitergehen. Jesu Tod ist noch nicht das Ende.

Und darin steckt Freude. Unbändige Osterfreude! Halleluja singt die geknechtete Welt!

Gott hat den Film einfach weitergedreht. Die Filme der zahllosen Opfer von Gewalt.

 

Mit dem leeren Grab hat Gott den Tätern gesagt: Was ihr töten wolltet, das ist nicht tot: Denn Jesus ist auferstanden.

Das leere Grab ist die letzte Hoffnung, die beste Form von Gerechtigkeit.

Der Trost für die Opfer unserer Zeit und die Absage an die Mächte der Gewalt. Am Kreuz werden wir nicht enden.

Die Festgenagelten.

Die Bedrängten.

Die Menschen, die gemobbt werden von ihrem Chef,

in die Enge getrieben, verspottet, geschasst.

 

All das lässt Gott mit seinen Kindern nicht machen. Das leere Grab ist die Antwort für die, die Menschen zur Strecke bringen wollen.

 

Wartet nur, Freundchen, auf das Ende vom Film, das letzte Wort ist noch lange nicht gesendet und gedreht.

 

Und die Frauen gedachten an seine Worte. Und sie gingen weg vom Grab und verkündeten das alles, den elf Jüngern und allen anderen.

 

Aber die Apostel wollten das nicht hören: alles Weibergeschwätz, haben sie sich gesagt, von verwegen auferstanden. Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehen?

Liebe wächst wie Weizen, sagten die Frauen, und ihr Halm ist grün.

 

Die Jünger, die immer nur so weit glauben konnten, wie sie den Weizen haben wachsen sehen, die wollten das nicht glauben.

Aus der Nummer kommt doch keiner heil heraus. Auch unser Herr und Meister nicht!

 

Vielleicht kommt er nicht heil heraus, sagten die Frauen, vielleicht verletzt, mit Spuren von Blut, aber Jesus ist auferstanden. Was wir lieben ist noch lange nicht tot.

Sehnsucht, diese Frauen mit ihrer Sehnsucht, ihrem Gottvertrauen, haben das leere Grab gesehen und Petrus auch, der Zweifler vor dem HERRN, geht los, sieht die Leinentücher und staunt: Sollte es möglich sein?

 

III

Ich stelle mir vor, wie die Mächtigen dieser Welt ins Zweifeln kommen. Sollte es möglich sein?

Was wenn die Toten nicht tot sind bei Gott und Geschlagene auferstehen?

 

Ich stelle mir Assad vor, wie er in seinem Palast sitzt und zweifelt, was wenn die Gegner nicht tot zu kriegen sind?

Ich stelle mir Trump vor, wie er die Leinentücher Jesu sieht und sich fragt: Was, wenn der Kampf nicht zu gewinnen ist? Welche Möglichkeit bleibt uns dann noch?

Und ich stelle mir die Opfer der Angehörigen vor, wie sie leise mit der Hoffnung nach Hause gehen. Weil das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Deine Toten, HERR, werden auferstehen.

Wie sie hoffen auf einen Gott am Ende der Zeit, der das Geschlagene aufrichtet.

 

Es ist meine letzte Hoffnung, dass Typen, die ihre Mitmenschen zur Strecke bringen, mit dieser Nummer nicht durchkommen bei Gott. Denn das Grab ist leer und Jesus ist auferstanden.

Der Film geht noch weiter, meine Lieben! Gott hat den Tätern den Kampf angesagt: Was ihr tötet, das fasst kein Grab.

Und er hat den Trauernden eine Hoffnung geschenkt: Was ihr sucht, findet ihr nicht bei den Toten. Geht ins Leben, dort werdet ihr ihn wiedersehen, wie er es euch gesagt hat!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir verstehen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN

 

 

Mt 26-27 | 14. April 2017 | Mühlanger

 

Ich würde den Film gerne rückwärts laufen lassen.

Den Film von Gethsemane und Golgatha und von Tod und Verrat.

Das Brot zurückstellen auf den Tisch und den Becher, aus dem ich getrunken hab.

Ich würde den Film gern zurückspulen. Alles zurückstellen, was ich genommen hab.

 

Das Brot bleibt heil und das Kreuz bleibt leer,

nichts zerbricht zwischen uns und nichts in dir

weder Knochen, noch Herz, keine Wunden platzen auf.

 

Ich würde den Film gerne rückwärts laufen lassen

und noch einmal einziehen mit dir und bei dir bleiben und den Mund auftun, wenn alles auf einmal ruft: Kreuzigt ihn!

Und dann ganz laut: Halt! rufen, das könnt ihr nicht tun!

 

Ich würde gern die Geschichte anhalten lassen

und die Debatten aushalten um deine Person

und immer wieder NEIN schreien, wenn alles ruft:

Raus mit ihm und kreuzigt ihn, er lästert Gott, wenn er sagt, er ist Gottes Sohn.

 

Ich würde den Film gerne rückwärts laufen lassen und sagen,

dass wir alle Gottes Kinder sind und sich keiner dafür schämen muss,

das zu erkennen, zu bekennen.

 

Ich würde gern ungeschehen machen, was geschehen ist

und tapfer zu Pilatus gehen und sagen: Hör einmal im Leben auf deine Frau,

mach einmal im Leben, was dein Herz dir sagt, lass die Hände von Jesus.

Vergiss die Gesetze, sie führen zum Tod. Du bist frei, dich schützend vor ihn zu stellen.

Keiner muss müssen, wenn das Herz nicht will und das Gewissen ihn vorher verklagt.

 

Ich würde gern aufstehen, wenn Pilatus sagt, eure Sache,

wenn das Volk es so will, dann sei es so. Ich wasch mir die Hände in Unschuld,

ich würde gern zu ihm gehen und sagen: dass es das nicht gibt, ein Zusehen ohne Schuld.

 

Den Film rückwärts laufen lassen, HERR, und noch einmal mit dir übers Wasser gehen,

mit dir im Boot sitzen bei Wind und Sturm und nicht zweifeln an dem, was ich nicht sehe.

 

Den Film zurückspulen, noch einmal zurück, noch einmal an deiner Krippe knien und Staunen

und mich Wundern über dich, dass du klein bist, wie so mancher von uns.

 

Deinen Tod verhindern, dir die Kleider anziehen, dein Ansehen, deine Würde, deine unverletzte Haut.

 

Ich würde den Film gerne rückwärts laufen lassen und bei dir bleiben bis tief in die Nacht und dir meine Hände hinhalten.

Das Geld zurückgeben, das ich genommen hab und mein reines Gewissen wieder haben.

Denkt Judas und sieht Jesus tot.

 

Gethsemane und Golgatha, die Filme des Terrors und der Gewalt, wir kennen sie alle, sie umgeben uns.

Und wie gerne würde ich sie zurückspulen an den Punkt, wo alles begann, Hass, Krieg, Terror, Gewalt.

 

Die Bilder vom Krieg in Syrien, vom Terror auch in unserem Land. Ich würde sie gerne rückwärts laufen lassen,

die Toten stehen wieder auf und die Söhne von Syrien gehen vom Schlachtfeld nach Haus, ein jeder von ihnen in seine Stadt, und keiner wirft mehr Bomben ab.

 

Assad sitzt zu Haus und lernt Vertrauen und reden mit der Opposition.

Und im Mittelmeer werden keine Leichen angespült,

und es gibt keine Kriege mehr.

 

Alles Schwachsinn, sagt die Vernunft. Ach, wenn´s doch so wär, sagt die Hoffnung.

 

Ich würde den Film gerne anhalten lassen, die Bilder von Nizza, London, Berlin

und der Mann  rast nicht in die Menge.  

12 Menschen gehen in Berlin nach Haus und ein Weihnachtsmarkt bleibt ein Weihnachtsmarkt, 

weil der Mann im Fahrerhaus ganz sanft bremst und sich selbst in den Menschen erkennt.

Mein Gott, wie schön wäre das.

 

Wenn der Hass  nicht mehr ist und alles gelöscht und keiner schreit mehr: Ausländer raus!

Aber so ist es einfach nicht.

 

Die Wunden sind da und die Toten sind da.

Und wir stehen in unserem Golgatha und sehen Menschen unschuldig sterben.

 

Und Gott ist da, in unseren Wunden.

 

Gekreuzigt, gestorben. Hinabgestiegen ins Totenreich,

er ist bei unseren Toten und dann steht er auf. 

 

Er zeigt uns, wohin fehlende Liebe führt.

Und sagt: bedenkt, was ihr tut und lasst,

der Mensch ist genug geschunden.

 

Sucht frei eure Wege aus.

 

 

 

 

 

1 Mo 22 | 1. April 2017 | Wittenberg

Versuchung & Verheißung

 

Es klingt wie ein schlechter Aprilscherz: Erst sagt Gott zu Abraham: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und opfere ihn zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. Und Abraham, voller Vertrauen, nimmt Isaak, Isaak, was nichts anderes als "Gelächter" heißt. Abraham packt alles ein. Nur statt des Widders nimmt er jetzt seinen Sohn und geht hin. Und dann, als Abraham das Messer nimmt, um Gott seinen Sohn zu opfern, da ruft ihn der Engel des HERRN und spricht: Abraham, lege deine Hand nicht an dein Kind! Tu ihm nichts! Gott weiß nun, wie sehr du ihn fürchtest und liebst, mehr als deinen eigenen Sohn! Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich, den nahm er und opferte ihn.

 

Wie ein schlechter Aprilscherz klingt die Geschichte aus dem Alten Testament. Ein Test, der tödlich enden kann. Gottes Frage an den Menschen: Wie weit gehst du für mich, was lässt du bleiben, was gibst du für mich? – Gibst du auch deine Zukunft, dein Leben hin?

 

Isaaks Opferung endet in Gelächter und Erleichterung. Grad noch mal gut gegangen. Es erzählt Gottes Abschied vom Opfer. Ab jetzt, ihr Menschenkinder, keine Opfer mehr! Ab jetzt reicht mir euer Vertrauen allein. Sagt es und gibt am Ende seinen eigenen Sohn als Opfer für alle Verfehlung der Welt. Damit ist alles erledigt und gut: Jesu Opfer am Kreuz für uns alle.

 

Ich wünschte mir, dass Gott seine Engel öfter schickt in unsere Welt, dass er sie nach Syrien und nach London schickt, bevor Menschen leiden und sterben. Ich wünschte mir, dass die Geschichte der Menschenopfer wirklich ein Ende hat; dass Gott seinen Engel öfter schickt, zu denen, die nicht aufhören, sich selbst zu quälen und andere sinnlos zu opfern, sei es nun für ein heiliges Land oder einen sogenannten "Gottesstaat".

 

Ich wünschte, dass Gott seinen Engel öfter schickt, bevor der Glaube in Raserei verfällt und Gläubige  über Leichen gehen, nur um Gott zu gefallen. Dass Gott das Leben will und nicht unseren Tod, das hat er klar gemacht in seinem Sohn, in Jesus, der gestorben und auferstanden ist für die Fehler und die Unreinheit der Menschen. Dieses Opfer muss reichen, uns allen. In Jesu Sterben hat Gott reinen Tisch gemacht. Wir müssen Gott nichts mehr beweisen.

 

Ich finde, Gott hätte es hin und wieder deutlicher sagen können und nicht erst, wenn alles Spitz auf Knopf steht: Schluss mit dem Opfer und dem Tod. Ich will Leben und leben mit euch! Ich finde, er hätte irgendeine Methode finden müssen, dass uns das bewusster ist, uns und den Terroristen. Aber so ist Gott nun einmal: unfassbar und unbegreiflich. Er lässt uns die Freiheit, auf ihn zu hören oder nicht. Und alles, was er da lässt, ist ein Engel, der sagt: Schluss mit dem Opfer, mit dem Terror und Tod! Kein Mensch muss Gott was beweisen, denn der den ihr sucht, liebt das Opfer nicht, der liebt und lebt unter euch.

 

 

 

Mk 12 | 18. März 2017 | Wittenberg

 

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte und viele Reiche legten viel ein und es kam eine arme Witwe, die legte zwei Scherflein ein, das macht einen Pfennig, alles, was sie zum Leben hatte.

 

Es gibt Menschen, die lesen das als Aufruf, in der Kirche zu spenden und es der Witwe gleichzutun.

Nicht nur vom Überfluss zu geben wie die Reichen, sondern alles zu geben. Aber Gott geht es nicht um Geld. Die härteste Währung im Leben ist immer noch Vertrauen.

Viele Reiche legten da viel ein, aber die arme Frau wagte alles. Rückhaltloses Vertrauen: in Gott, in Menschen, in Zukunft.

 

 

Ganz oder gar nicht, sagte sich die Frau und legte alles, was sie hatte. Sie setzte den Fuß in die Luft und sie trug.

Ganz oder gar nicht, dachte Jesus und legte alles, was er hatte und gab sich den Menschen hin.

Die arme Witwe und Jesus – zwei Liebende, die alles wagen. Rückhaltloses Vertrauen.

 

Die Bibel erzählt nicht, was mit der Frau passiert, wovon sie lebt, wie es weitergeht. Aber sie erzählt von Jesus, der diese Frau sieht, sich in ihr selbst erkennt und den Weg der Liebe, des Vertrauens, bis ans Ende geht.

 

Er liebte, starb und stand auf. Er wusste am Ende, dass Vertrauen die härteste Währung des Lebens ist, weil sie überall gilt und notwendig ist und Leben schenkt in der Krise.

 

In einer Zeit, wo Grenzen wieder hochgezogen und Mauern gebaut werden, wirken die arme Witwe und Jesus wie zwei verrückte Gestalten am Wegesrand. Zwei Figuren, die aus der Zeit fallen; die alles wagen, ohne Versicherungsschein.

 

Sie setzen ein Fragezeichen hinter die Rede von Menschen, die das christliche Abendland retten wollen ohne Liebe zu den Menschen und Gottvertrauen. Sie stellen uns vor die Frage: worauf hoffe und vertraue ich? Auf meine Wahrheit oder auf Dich?

 

 

 

 

Ps 27 | Predigt 10. Februar 2017 | Mühlanger

 

Die im Dunkeln

 

Ich seh dich.

Ich hab dich die ganze Zeit schon gesehen,

Horst, ich seh dich, auch wenn du das nicht glaubst.

 

Ich habe gesehen, was für einen Brief du Neujahr geschrieben hast, an Theo, quasi dein Patenkind,

Theo, dem du zum Abitur verholfen hast, dem Arbeiterkind von nebenan.

 

Ich hab gesehen, was du geschrieben hast.

Dass du es satt hast, dieses deutsche Land, in dem sich alles verändert und nichts deutscher wird,

nur fremder und überbevölkert.

 

Ich seh dich, ich hab dich gesehen Horst,

wie du Weihnachten in der Kirche gesessen hast,

dass ich bleiben könnte im Haus des Herrn,

ja, Horst, ich habe dich sitzen sehen,

mit deiner Sehnsucht nach Erika im Leib,

deiner Liebe, die nicht mehr bei dir ist.

 

Ich hab deine Wut gesehen

und wie du dir die Tränen weggewischt hast,

mit Hustenanfall hast du das kaschiert, damit es die Tochter nicht merkt.

 

Und wie du mürrisch das Essen auf den Tisch gebracht hast,

wehe, wenn jetzt einer einen Fehler macht

und wie ihr schweigend zusammen gegessen habt

und du hast wieder nichts gesagt, den ganzen Weihnachtsabend lang.

Die Geschenke gegeben, Geschenke aufgemacht.

Aber bloß kein Gefühl zur Sprache gebracht.

 

Ich hab gesehen, Horst, wie du hart geworden bist,

hart mit den Enkeln und hart mit dir.

 

Wie du mürrisch Matilde einen Korb gegeben hast,

letzte Woche beim Kegeln und Bier.

 

Eigentlich wolltest du und hast dir doch das Glück verwehrt.

Wie oft soll ich noch an deiner Türe stehen?

Anklopfen, einladen in Menschengestalt, mit offenen Händen vor dir stehen?

Schlag ein, fass mich an, komm mit!

 

Ich seh doch, dass du heulst,

und den Kindern dann etwas von Zwiebelschneiden sagst,

wie du brüllst, lass mich los, wenn dich einer umarmt

und selbst die Tochter aus der Küche stürmt, verletzt, weil du nichts mehr zu ihr sagst.

 

Du verlässt mich und lässt mich ja doch, allein.

Horst, ich weiß genau, was du denkst.

 

Du hast dich hart gemacht, wie Eisen und Stahl,

hart gegen Leute, die bedürftig sind und hart mit dir, der abends weint.

Birg mich im Schutz deines Zeltes! Herr, komm und sieh mich an!

Das denkst du und wenn ich dann zu dir komm,

lässt du dich doch nicht umarm´n.

 

Und wenn Flüchtlinge an deinem Haus langgehen, dann denkst du, was gehen die mich an!

Dabei erinnern sie dich täglich daran, wie du in dieses Land gekommen bist,

ein Hänfling, ein Kind, kein Name, kein Land.

 

Sollen sie doch sehen, wer ihnen hilft.

Das alles hast du Theo geschrieben auf seinen Brief.

Theo, der stolz auf dich gewesen ist,

Theo, den du unterrichtet hast in Deutsch, Geschichte, Latein.

 

Du weißt es doch, Horst, wie das Elend beginnt und du weißt auch wie es endet im Glück,

wie Erika dich einlud ins Haus nebenan

wie ihr zusammen in der Fibel gelesen habt und dann die Kekse geteilt,

die Milch aus dem Eimer getrunken.

 

Und als Theo schrieb, gibst du Deutschunterricht für die Flüchtlinge in der VHS?

Da hat dich auf einmal die Wut gepackt

und du hast geschrieben:  das ist alles Gesocks,

der Untergang vom Abendland! Das Ende vom Christentum.

 

Horst, ich weiß, wie wütend du bist und wie du dich nach Frieden sehnst,

nach Erika, die neben dir steht.

Frieden und jeder hat sein Haus

und alles ist da, wo es hingehört,

ich weiß, dass dir alles entgleitet.

 

Ich weiß, dass du abends im Bette liegst und betest,

schick meine Erika zurück, mach sie wieder lebendig.

Bei dir, Gott, ist doch alles möglich.

 

Aber Horst, ich komme als Lebendiger zu dir. In Theo, im Flüchtling, im Enkelkind.

Meine Liebe ist Regen über alle.

Ich stehe als Fremder vor deiner Tür,

ich klopfe und rufe, mach endlich auf,

deck den Tisch für uns und lad Leute ein,

 

zeig deinen Enkeln, wie man Porree anbaut und Kartoffeln legt

und erklär den Flüchtlingen den Genitiv.

Wem gehört was und wie sagt man das.

Ich bin dein Licht und dein Heil.

Ich seh dich, und ich sehe, was du nicht siehst. Ich komme zu dir im Flüchtling, im Kind.

 

Horst war aufgewacht.

Kann das möglich sein und was wäre, wenn das stimmt?

Bleiben im Hause des HERRN

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

AMEN

 

 

Hes 36,26 | Predigt 1. Januar 2017 | Wittenberg

 

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. 

 

Nach dem Krieg, sagte Hannes, habe ich im Straßengraben gesessen und nicht mehr weiter gewusst. Ich war als Junge in der HJ gewesen und begeistert von den Geländespielen. Mein Herz hat die braune Soße zum Glück nicht erreicht, weil Mutter das immer abscheulich fand, aber ich habe mitgemacht im Hitlerland und habe sogar gedient als Soldat. 

 

Und dann war der Krieg aus und ich habe vieles probiert: Verkäufer, Einzelhandel, Versicherungsagent. Aber irgendwie suchte ich Halt, Orientierung, geistigen Neuanfang. 

Ich bin zur Kirche gegangen mit meiner Frau und wir haben dort Leute kennengelernt, die voller Scham auf ihr Leben sahen und meinten, so und so müsse man vor Gott sein, Frömmelei und rigide Gesetze. Schlimmer als der untergegangene Staat. Alles, nur keine Freiheit im Kopf. Wir sind dort weg und zum Glück gab´s auch andere. Eine Gemeinde, die uns nahm, wie wir waren. 

 

Eines Tages bin ich mit dem Pfarrer raus aufs Land. Er hatte mich an einer Kreuzung abgesetzt, er wollte noch kurz was besorgen und ich wartete im Straßengraben. Und wie ich da so sitze, wusste ich auf einmal, was ich werden will: Pfarrer werden und reden von Gott. Von dem, der neu anfängt und Gemeinschaft wagt, mit Frommen und mit ausgedienten Soldaten.

 

Ein neues Herz und ein neuer Geist. 

 

Und ob du es glaubst oder nicht, sagte Hannes, als mich der Pfarrer abholen kam, sagte er: Hannes, willst du nicht Pfarrer werden und der Kirche dienen? Zwei Menschen und eine Vision. 

 

Anfangs war ich schockiert, als Hannes mir berichtet hat von seinem Leben als Soldat. Wie kann das sein, ein Mann, der Hitler hinterher gerufen hat und der dann plötzlich auf der Kanzel steht und sagt: Friede sei mit euch, ihr Kinder!

 

Später hab ich gedacht, was hab ich für ein Recht zu richten über ihn? Gott sagt: Ich schenk dir ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch und Hannes hat sich beschenken lassen.

 

Bei Hannes hab ich gelernt, was Umkehr heißt und Neuanfang und dass Gott jedem Menschen Zukunft schenkt unabhängig von seiner Vergangenheit. Und mit Hannes hab ich beten gelernt. Ja, Gott, ich schenk dir mein Herz, alles, was mein altes Herz quält; mein Herz, das letztes Jahr zugeschaut hat, als Schiffe im Meer versanken. Mein Herz, das die Bilder von Aleppo sah und nicht mal mehr weinen konnte. Mein altes Herz, das wütend war, weil ein Flüchtling den Terror ins Land gebracht hat. Ich schenk dir mein altes Herz, HERR, und bitte dich um einen neuen Geist. Ein Geist, der lebendig macht. Ein Geist, der mit Kindern noch kichern kann; der leichter nimmt, was er nicht begreift. Ein Geist, der zupackt, wo er kann. 

 

Weißt du, sagte Hannes oft zu mir, wenn ich ihm voll Empörung erzählte, was Kollegen wieder angestellt hatten, man muss da auch gnädig sein. Die können vielleicht nicht anders. 

Hannes war gnädig mit sich und auch mit anderen. Er hat Menschen nie festgelegt auf das, was ist. Gott hat für uns alle eine Zukunft bereit, die mehr ist als die Summe unsrer Taten. 

 

Einmal, sagte er, saß ein Mann von der SED bei mir, die schickten ja immer ihre Leute zur politischen Überprüfung, wie das hieß. Und der tischte nun eine Frage nach der anderen auf: wie ich zum Sozialismus steh und zur Frage der Gerechtigkeit, ob wir uns da einig wären und natürlich hab ich das anders gesehen und dann, nach zwei Stunden meinte er: Aber Herr Pfarrer, für den Frieden, wenigstens für den Frieden müssen Sie doch sein! Gewiss bin ich für den Frieden, sagte ich und der war überglücklich, endlich eine Gemeinsamkeit, aber, der Frieden von dem ihr erzählt und der Frieden, den ich zu verkündigen hab, der ist dann vielleicht doch ein andrer. 

Na, der war wütend, stand auf, knallte die Tür und zog nun unverrichteter Dinge wieder ab. Er hat mir ja auch leid getan, der macht auch nur seinen Job. 

Es gab Kollegen, die redeten gar nicht erst mit denen, aber ich hab sie rein gelassen, immer wieder. Das waren doch auch nur Menschen wie du und ich und warum soll ich sie verachten. 

 

Ich schenke euch ein neues Herz. Ein Herz, das weiter sieht. 

 

"Ein Herz kann man nicht reparieren" hat Udo Lindenberg einmal gesungen. Aber vielleicht austauschen, rausoperieren, sich ein neues einsetzen lassen?

Wenn Hannes mir sein neues Leben beschrieb, hat er auch immer von seinem alten erzählt, von dem Herz, das Drill und Gehorsam kennt und Ordnung über alles liebt. Man entkommt sich eben einfach nicht. 

Ein Herz kann man nicht reparieren, mit dem schlurft man so durch den Tag, mit dem quält man sich durch den Unterricht, durch den Sportverein, immer so lang hin. 

Es eckt an und entzündet sich an total verrückten Stellen, an einem falschen Wort. Es bellt zurück, wenn einer bellt und ist blöd, immer so lang hin. Ich kann mir vornehmen gut zu sein und schaff es dann doch nicht bis zum Abend. 

Ein Herz kann man nicht abstellen, zurückfahren auf Null. Das ist schließlich keine Heizung. 

 

Was gewesen ist, ist gewesen, sagte Hannes, das kann ich nicht ungeschehen machen. Aber schuldig sein, heißt nicht, dass alles so weitergehen muss wie bisher. Ich rechne mit einer anderen Welt. Ohne Gehorsam und ohne Waffen. 

 

Ich schenke euch ein neues Herz. Spricht Gott, einfach so dahin. 

 

Die Beschenkten haben auch nur ein Leben und 24 Stunden am Tag. Vielleicht ein Dach überm Kopf, einen Mantel am Leib und irgendwann auch ein Grab. 

Die Beschenkten und Getauften mit Gottes Geist, die gehen auch mit Ungewissheit in die kommende Zeit. Aber sie haben einen Gott, der das Licht anmacht, wenn es dunkel ist und sagt: Friede sei mit euch, geht heim!

Sie haben einen Gott, der mitgeht, wenn es sein muss auch einen Meile mehr als zum Anstand noch nötig wär. 

Die Beschenkten bekommen täglich neu Post. Liebeserklärungen Tag für Tag: Fürchte dich nicht, denn ich bin da. Sie legen ihr Ohr an die Bibel, an Gottes Wort und hören das Rauschen einer anderen Welt und ein Schiff aus Papier trägt sie fort. 

Sie wissen, so also kann es sein: dass der Himmel aufgeht und Licht auf uns fällt, nichts muss für immer so sein. 

 

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Das ist das Wichtigste, meinte Hannes immer, alles, worauf es ankommt ist Gottes Liebe, denn er gibt keinen von uns auf. 

 

Hannes ist für mich immer so etwas wie ein Patenonkel gewesen, obwohl das auf keinem Papier jemals stand. Ein Mensch, der mir immer wieder klar gemacht hat, worauf es ankommt im Glauben und im Leben. Nicht auf die weiße Weste, sondern auf Gottes Liebe, die alles übersteigt und neu anfängt mit den Leuten. 

 

Als Hannes beerdigt wurde, stand das auf seinem Grab: aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Liebe, die größer ist als alles, was wir tun im Guten wie im Bösen. 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir begreifen und verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der uns diese Liebe kundgetan hat. AMEN

 

 

 

 

Lk 2,14 | Predigt 24. Dezember 2016 | Mühlanger/Dietrichsdorf/Wittenberg

 

Auch in diesem Jahr hat Hilde die Engel ins Fenster gestellt. Engel aus Holz, mit kurzem Rock, mit Pauken und Trompeten und manche mit einem Lied in der Faust: Ehre sei Gott in der Höh.

 

Auch in diesem Jahr hat Hilde sie aus dem Keller geholt, obwohl ihr im November gar nicht danach war. Feiern, was soll ich feiern in diesem Jahr, mein geliebter Robert ist nicht mehr.

Aber dann wurde es irgendwie doch Advent und sie hat die Engel aus der Kiste geholt.

 

Was haben die nicht schon alles gesehen?

Sie haben unser Glück gesehen und ihr Ehre sei Gott in der Stube gesungen, als der Kalte Krieg vor der Türe stand. Sie haben Honecker kommen und gehen sehen. Sie standen im Fenster als keiner wusste wohin mit seiner Sehnsucht nach Demokratie. Sie haben im Keller ihr Lied gespielt, als Donald Trump die Wahl gewann und ein LKW in eine Menschenmenge fuhr, erst in Nizza und nun in Berlin.

 

Ehre sei Gott in der Höh.

 

Unten auf dem Markt steht Achmed hinterm Tresen am Glühweinstand und seine Familie vielleicht in Aleppo.

Er weiß nicht, ob sie rausgekommen ist, ob die Schwester noch lebt. Nachrichten hat er schon lang keine mehr. Ehre sei Gott in der Höh und Friede auf Erden bei den Menschen?

Frieden, denkt Achmed, Frieden wäre schön. Aber wie geht Frieden in dieser Welt?

 

Weihnachten in der zweitausendundsechzehnten Nacht und noch immer ist die Welt nicht im Frieden erwacht. Noch immer werden Mäntel durch Blut geschleift und Stiefel gehen daher mit Gedröhn.

Weihnachten feiern, wie soll das gehen und stimmt die Botschaft der Engel noch, Ehre sei Gott in der Höh?

Nein, mein Gott, wir ehren dich nicht, wenn Menschen in deinem Namen töten.

 

Und Menschen deines Wohlgefallens, wo wohnen die, wie sehen die aus?

 

Hans ist mitgekommen, seiner Frau zuliebe, dieses eine Mal, wie jedes Jahr in der Heiligen Nacht. Nun sitzt er in der Kirche drin und singt und müht sich ab mit dem Lied. Ehre sei Gott in der Höh.

Er ist getauft und glaubt nicht mehr. Er hat sein Leben anders verbracht. Er vertraut auf das, was er sehen kann. Aber heute ist er mitgekommen, das eine Mal. Ehre sei Gott in der Höh und Friede auf Erden bei den Menschen.

 

Frieden, ja, den brauchen wir. Mehr als so manchen Held in der Welt und einen, der uns sanft regiert und nicht aufhört, die Wahrheit zu sagen, die Fakten der Welt, und eintritt für die Schwachen.

Der Raum ist ihm fremd und das Beten auch. Ob im Himmel wirklich einer ist, der uns Menschen sieht? Hans kann das gar nicht mehr glauben.

 

Und was für ein Gott wäre das bitteschön, der die Nachrichten in unsren Stuben sieht und Hilde sieht, die alleine ist und Achmed hinter dem Tresen?

Was für ein Gott soll das denn sein, der das alles sieht und nichts geschieht, denn es tut sich einfach kein Himmel auf und keiner stößt die Gewaltigen vom Thron.

Und ein Kind, das soll die Rettung sein, ein hilfloses Bündel Leben, ein Kind die Rettung für Kinder und verwitwete Frauen, die Rettung für eine zerstrittene Welt, der noch nicht mal mehr ein Friedensabkommen gelingt, in der Uno, der Stube der Welt?

 

Hans sitzt da und denkt und staunt. Ja, wenn sie alle Tage so wären, die Menschen, so wie heut. Vereint im Blick auf ein Kind und der Mensch steht wieder im Mittelpunkt. Vereint im Blick auf ein Kind, von dem man sagt, dass es Gemeinschaft rettet und wagt, auch mit den Tyrannen der Welt.

Ein Kind, das übers Wasser geht, über alles, was tief ist und schwer, das Brücken baut und Brot zerbricht mit Freunden und mit Feinden. Ja, wenn das jeden Tag Mittelpunkt wär? Ehre sei Gott in der Höh.

Am Ende hilft alles Singen nicht, denkt Hans und schlägt das Liederheft zu. Beim Frieden muss jeder selber sehen, wo er steht und auf welchen Wegen er geht.

 

Ehre sei Gott in der Höh und Frieden auf Erden bei den Menschen.

 

Menschen, denkt Hilde, Menschen gibt es viele, aber keine mit so kaffeebrauner Haut. Achmed war Hilde gleich aufgefallen, als sie über dem Weihnachtsmarkt ging. Sie sind neu in unserer Stadt?

Hilde hat ihm ein Glas abgekauft und Achmed hat erzählt; vom Bus, der ihn in die Stadt gebracht hat, vom Wohnheim, der Schwester, der Familie, die fehlt, vom Glauben und vom Wiedersehen.

 

Hat erzählt von der Angst und dem Attentat, vom Krieg zu Haus und all dem, was nicht mehr steht und welchen Reichtum er hier sieht.

Hat erzählt von den Anträgen auf dem Amt und davon, wie tröstlich das alles ist, dass Fremde auch Zuflucht finden. Und er hofft, dass die Liebe auch bleibt.

 

Und Hilde denkt an damals zurück, als sie ankam, damals in dieser Stadt. Ein Flüchtlingskind in der stillen Nacht und ein Gott hat uns Frieden gebracht.

Frohe Weihnachten! hat Hilde zu Achmed gesagt und Achmed hat nur müde genickt.

 

Weihnachten, ja, in diesem Land. Brot hat er und einen Himmel auch.

Einen Himmel, von dem keine Bombe fällt, nur Schneeflocken höchsten, im Winter.

Und er wünscht sich die Schwester, die Familie her und Frieden für die ganze Welt.

 

Weihnachten feiern, Frau Hilde, fällt schwer, weil alles, was ich liebe, so fehlt.

 

Und Hilde hat ihm von den Engeln erzählt, von den Engeln aus Holz auf dem Fensterbrett. Engel, die wieder im Fenster stehen, auch dieses Jahr, dem Tod zum Trotz. Engel, die Gewalten haben kommen sehen und die immer noch singen: Ehre sei Gott und manche nur noch mit einem Arm und einer Botschaft, die einfach nicht zerbricht: Frieden auf Erden bei den Menschen.


Ich glaube, dass Gott allmächtig ist, hat Hilde leise zu Achmed gesagt.

Ich glaube, dass Gott nicht alles kann, aber dass er aus allem etwas machen kann, auch aus Trümmern und offenen Wunden.

Und er hat uns seinen Sohn geschickt, der uns Frieden schenkt und Frieden zeigt. Der ebnet für uns die Bahn.  AMEN

 

 

 

 

 

Lk 1 + Mt 2 | Predigt 4. Dezember 2016 | Mühlanger/Dietrichsdorf

 

Und der Engel sprach zu Maria: Siehe, du wirst schwanger werden. 

Du wirst nicht allein bleiben. 

Du wirst einen Sohn gebären und er wird der Sohn des Höchsten genannt werden. Sein Leben wird heilig sein für dich, und nicht nur für dich, auch für den Himmel. 

Wenn du ihn siehst, wirst du auch den Himmel sehen und den, der ihn schuf. Und du sollst ihn Jesus nennen, weil Gott keinen vergisst. 

Weil Gott sich herabbeugt zur dir, dich aufrichtet, Maria. 

Und er wird Frieden bringen, wo Krieg und Streit ist in der Welt und seine Waffe wird Sanftmut sein. Ein Mut, der nicht aufgibt, weder die Hoffnung noch einen Menschen. 

 

Bis ans Ende wird er voller Frieden sein und sagen: Fürchtet euch nicht! Nicht vor der Liebe, die alles vergibt und nicht vor der Liebe, die Feinde liebt und am Ende sagt: Vater vergib!

 

Siehe, du wirst schwanger werden, Maria. Du bleibst nicht allein mit dem, was dich beugt. Du wirst einen Sohn bekommen, der dir vorausgehen wird und einen, der deine Liebe braucht, deine Arme, Hände und Füße. 

Du bringst Gott zur Welt, dazu hat Gott dich auserwählt, du kleine Magd, Maria. 

 

Und dein Name wird hoch erhoben sein über alle Mütter und Frauen dieser Welt. Denn mit dir soll Großes für alle geschehen. Wer an dich denkt, denkt an eine Frau, die Ja gesagt hat zum Leben. 

 

Es wird wehtun, Maria, hin und wieder ohnmächtig zu sein. Ohnmächtig in deiner Liebe. Es wird wehtun, Gott in die Welt zu bringen, dieses Kind zu gebären. Du wirst hin und wieder auch weinen und am Ende deiner Kräfte sein. 

Willst du das, Maria?

 

Du wirst wissen, wie das ist: wenn das Leben kommt und Gott ohne dein Zutun wirken will und du wirst für Gott mehr als nur Hülle sein, denn er braucht deine Wärme, Maria, deine Stimme, dein Wort für dieses Kind. 

Also, willst du oder willst du lieber nicht? Sprach der Engel zu Maria. 

 

Du wirst lernen, was es heißt: beschenkt zu sein und das alles uns nur gegeben ist, es zu lieben und zu bewahren. 

Du wirst lernen, einmal auch fortzugehen, ohne dein Kind an deiner Hand, ohne das Wissen, wo es ist. 

 

Du wirst wissen, wie es ist, an seinem Grab zu stehen und mit der Frage: Warum? nach Hause zu gehen. Du wirst wissen, dass du im Leben nichts festhalten kannst, wenn etwas zu Ende ist. Maria, du wirst lieben, stärker als der Tod. Willst du das, Maria?

 

Du wirst wissen, was es heißt, dass er aufersteht und nach drei Tagen deine Wege kreuzt, du wirst sein Lachen hören, seine Lebenslust, seine Sanftmut und seinen Frieden. 

Und ihr werdet miteinander verbunden sein, ohne dass einer der Sklave des anderen ist. Willst du all das, Maria?

 

Und Maria bewegte die Worte in ihrem Herzen. Und der Engel verschwand. Und Josef war da, und so vieles geschah, was Maria bis heute nicht verstand. Und immer, wenn sie Kinder sieht, denkt sie: Kinder des HERRN. 

Sie gehören uns nicht, wir versorgen sie.

Wir wickeln sie in Windeln und lieben sie, wir ziehen sie sauber heraus aus dem Dreck und kleben Pflaster auf blutende Knie und können sie doch nie ganz halten. 

Ein Wunder, jedes Leben und meines erst.

Maria bewegte die Wort im Herz. Der Engel war weg und Jesus war da, sein Sanftmut und sein Frieden. 

 

Vieles geschah, was sie nicht verstand. Die große Welt, Terror und Krieg. 

Wie erzieht man ein Kind, wie liebt man einen Mann? Wie baut man Brücken über Grenzen?

 

Und immer war da Jesus, der im Tempel saß und Gottes Wort den Alten vorlas. Wir blicken zurück, wir blicken nach vorn. Maria sah den Himmel in Jesus offen stehen. Sie ahnte, was Gott ist und Leben und Tod, wo Liebe beginnt und Besitz anfängt und Wille zur Herrschaft und Macht. 

 

Und es geschah ihr, wie der Engel einst sprach. Eines Tages stand sie da, an Jesu Grab, und sie weinte und ging mit seinen Worten fort, mit allem, wovon er einst sprach: Wer Vater und Mutter mehr liebt als Gott, der ist für Gottes Reich nicht gemacht und wer zurückschlägt und nichts vergibt, der hat meinen Frieden noch nicht gekannt, nur den Frieden der Menschen dieser Welt. 

 

Maria, die bittre. Die Frau, die weint und die trotz Tränen den Himmel schaut, die nichts begreift und gelesen hat, aber die Sterne und Gottes Zeichen in der Nacht. 

Maria hat Gott zur Welt gebracht. Sie hat ihn mit Händen und Füßen bewacht und ist mitgegangen, wohin keiner gern geht, in die Fremde, an Gräber, am Ende nach Haus und bewahrt im Herzen das große Wort: Friede sei mit euch, ihr Lieben!

 

 

(Eine Musik)

 

Und du, Josef? Du hast dabei gestanden. 

Du hast Maria gesehen und gesehen, etwas ist anders an ihr als zuvor. 

Du hast auch nicht alles verstanden.

Aber du hast gewusst, das ist mein Weib. Ich kann sie nicht hängen lassen. Sie bekommt ein Kind, weiß der Himmel von wem. Aber sie gehört zu mir, Maria, meine mir anvertraute Frau. 

 

Du hast hin und her geschwankt, wie ein Segel in der Nacht und hast sie am Ende mitgenommen in dein Land, in deine Heimat und das Kind kam an und fiel in deine Hände. 

 

Da hattest du dir die Finger schon wund geklopft. Kein Tor war offen, nirgends.

Nicht für Fremde. Für Freunde vielleicht, aber nicht für euch. Das war die Auskunft an jeder Tür. 

Das Unglück hat euch zusammengeschweißt. 

 

Und auch dir ist ein Engel erschienen im Traum. Flieh, Josef, nichts wie weg von hier. Nimm Mutter und Kind! Und du hast sie mitgenommen. Mit deinen Zimmermannshänden.

 

Mit Händen, wo alles genau abgemessen und abgezählt ist, sonst passt es nicht. 

Mit diesen Händen hast du sie mitgenommen: ein Kind, das wächst und eigne Wege geht, das im Tempel steht und den Alten das Alte ganz neu erzählt. Das Leben, unwägbar, was keiner je sah und keiner ermessen, verstanden hat, all das fiel in deine Hände. 

 

Erst wolltest du nicht, und dann wolltest du nicht mehr ohne sie, ohne Maria und das Kind. 

Du hast getan, was du konntest, Josef. Nicht weniger, nicht mehr, wie so viele vor und nach dir. 

 

Du hast eine Bleibe gefunden, ein Haus gebaut. Was man eben so macht für Mutter und Kind. Du hast dafür gesorgt, dass Brot da war, das man teilen kann, mit deinen Zimmermannshänden. 

Und du hast staunend mit Maria im Tempel gestanden, den Jungen gesucht und gefunden. Gesehen, wie er den Alten das Alte erklärt und Worte austeilt, die aufrichten: und zwar alle Menschen dieser Welt. 

 

Das Kind war dir fremd und es war dir vertraut. Du hast ihm beigebracht, wie man Boote und Häuser baut. Dinge, die fest sind und halten. Aber er konnte übers Wasser gehen. Er hat alles benutzt, aber niemals gebraucht. 

 

Das soll einer begreifen, dieses Kind. Du hast ihm deine Welt gezeigt. Und hast wieder und wieder auf die Engel gehört. Fürchte dich nicht, geh mit ihm fort!

Von dir selbst ist kein Wort überliefert in der Welt. Josef, du schweigende Masse. 

 

Wie viele nach Dir hast du vertraut, das alles einen Sinn hat, was jetzt passiert, auch Kinder, die du nicht gemacht hast. 

Wie viele nach Dir hast du begriffen, das, was ich habe, hat ein Gott mir geschenkt. Die Blumen auf der Wiese, das Kind im Leib, die Sonne, den Mond und die Sterne der Nacht. 

 

Staunen. Staunen, arbeiten und weitergehen. Josef, wie oft hast du das gemacht und hast deinem Herrgott blind vertraut. Hast dein Ohr an den Himmel gehalten, inmitten der Nacht. 

Siehe, eine junge Frau wird schwanger werden, einen Sohn gebären und er wird der Sohn des Höchsten genannt. So hast du es gehört, so ist es geschehen. 

 

Warum passiert das grade mir? Wie viele nach dir haben sich das gefragt, das Geheimnis des Lebens hält Einzug in der Welt, im Leib der Geliebten Maria. 

Wie viele nach dir haben sich das gefragt, warum gerade ich? und sind mitgegangen voller Erbarmen und Vertrauen, das alles vielleicht doch einen Sinn hat. 

 

Josef, wenn du nicht gewesen wärst! Wo wären wir heute ohne dich, du stiller Weggefährte? Du bist ein Mann, der nichts sagt, sondern annimmt, was kommt und behütet, was nicht sein eigen ist, als wär es das eigene Kind. 

 

Du hast uns Erbarmen und Glauben gelehrt.

Glaube, der zupackt und macht, was er kann und auf das hört, was Engel ihm sagen. 

 

 

 

 

 

 

1Kor 15,35-44 + Jes 66,13 | Predigt 20. November 2016 | Mühlanger/Dietrichsdorf

I

Das Quietschen der Straßenbahn riss ihn aus seinen Träumen. Was hatte Martin da eben gesagt? Irgendwas mit Toten und mit Auferstehen. 

Der alte Martin in seinem Laden, saß vor ihm mit seinen Narben im Gesicht. Mit seinen Narben und Falten. Jede Falte eine Geschichte, hatte Mutter immer gesagt, und dann seine treuen blauen Augen!

 

Ich begreife das nicht, Martin. Wo ist sie jetzt? Martin, wo ist meine Mutter jetzt? Wo sind die Toten? Und sieht sie mich

auch, da wo sie ist?

Sieht sie mich, wenn ich sitze, liege oder schlafe? Sieht sie, dass die Sterne noch leuchten, die sie angeklebt hat, letzte Woche auf meine Tapete?

Und ist der Himmel da oben grau oder gibt es dort gar keine Farben? Martin, ich begreife das nicht. 

 

Einen anderen Glanz hat die Sonne, einen anderen Glanz hat der Mond. Seit sie gestorben ist. Alles ist anders, seit sie nicht mehr ist. Vater weint und keiner singt mehr mit mir Der Mond ist aufgegangen

 

Und warum hat der Pfarrer gesagt, sie wird auferstehen, wo doch die Erde so schwer auf ihr liegt? Wie kann er das sagen, Martin! Wie soll sie da rauskommen, zwei Meter tief, das schafft sie mit ihren kaputten Beinen doch nicht. 

Martin, ich verstehe das nicht. Ich träume von ihr, ich weiß noch ihren Duft, den Duft ihrer Haare und ihrer Haut. Ich habe ihren Pullover geklaut, den roten, den mit den Haaren, die vom Fönen dran hängen geblieben sind. Ob es das gibt, dass sie wirklich lebt?


Martin, warum hat der Pfarrer gesagt, dass sie in Christus ewig lebt, ewig und für immer? Was hat er gemeint? Dass sie wiederkommt? Vater sagt, Mutter ist nicht mehr. Mutter kommt nie mehr wieder. 

 

(Eine Melodie, EG 511)

 

 

II

Ein Knauf, nicht nur einer, sondern sogar zwei. Wie die Registratur an der Orgel zu Haus. Wer daran zieht, bestimmt wie voll, wie sanft, wie zart oder hart das Wort an die Ohren trifft, das Wort, die Melodie, ein Klang. Bassschlüssel und drei b´s. 

 

Welche Lieder werden wir singen, wenn wir in der Kiste liegen? Welche Worte werden wir sagen, wenn die Verwandten das große AMEN sprechen? Was wird bleiben von uns, so wenig wie Asche in eine Kiste passt, in der einst Zigarren lagen?

 

Schwarz und weiß, Notenlinien, Papier und darauf ein Schiff, das bringt mich zu Dir und innen alles voller Linien und Wellen aus dünnem Papier.

Auf solche Linien Namen schreiben. Ich schreibe die Namen in den Sand, die Namen derer, die ich liebe und meinen immer ganz leise dazu, ein Kürzel und kein Geräusch. 

 

Es kommt ein Schiff geladen bis an den höchsten Bord. Trägt Gottes Sohn voll Gnaden, das Vaters ewigs Wort. 

Ich komme zu euch und tröste euch, wie eine Mutter ihr Kind. 

 

Wie eine Mutter ihr Kind. Eine Erinnerung, ein Wort. Wer daran zieht, steht sofort im Licht und schwimmt mit ihr fort. Die Erinnerung an die Liebe. Ein Register. Wer zieht daran?

Und warum vergisst man sie und schwimmt mit der Traurigkeit fort? All die Toten, die gesagt haben: Fürchte dich nicht! Warum vergisst man so was im Leben nur? 

Trost, es gibt ihn, wie es Erinnerung gibt. Mach die Schachtel auf, leg die Leinen los, zünd deine Fackel in mir an. 

 

Als du drei warst, Sascha, hast du immer gesagt: Mama, flieg, flieg! Und du meintest damit: Schau nur, die Vögel sind wieder da! Sie tanzen an unserem Fenster. 

Als du drei warst, hast du oft Angst gehabt. Angst vor dem Dunkel und vor der Nacht, Angst vor den Tieren in deinem Schrank, vor dem Löwen, dass er lebendig wird und im Schlaf nach dir greift. 

Als du klein warst, strich dir Mutter sanft über die Stirn und die Träume vom Löwen waren fort, die Nacht vergessen, das Dunkel auch und auch die böse Fee, die abends Löcher in deine Zähne macht. 

 

Ich will dich trösten wie eine Mutter ihr Kind. Ich weiß, dass du wütend bist auf Gott und wütend auf den Himmel, auf den Mann im LKW, der deine Mutter unter sich begrub. Ich weiß das, Sascha, ich kenne deine Wut. Eine Wut, die auch meine ist. Aber bitte, Sascha, tu dir nicht weh, vergiss deine Mutter, ihre Liebe, nicht!

 

Zieh dir den roten Pullover an! Leg die Platten auf mit ihrer Musik, zieh die Register, leg die Leinen los und zünd ihre Lichter für sie an. Sing ihre Lieder, spiel Räuber und Gendarm. Es kommt ein Schiff geladen bis an den höchsten Bord. 

 

Weißt du noch, was sie immer sagte gegen die Angst? Gott hat die Welt so schön gemacht, so schön wie deine Augen. 

Schau in den Spiegel und sieh dich an und du wirst ihre blauen Augen sehen und nichts von ihr ist fort. Sie liegt nicht begraben in der Kiste. Sie ist da. 

Ist bei uns im Flug der Vögel, in allem, was du siehst und was deine Mutter so liebte. 

Geh los, Sascha, putz dir die Zähne und fürchte dich nicht. Weder vor Löwen noch vor Menschen. 

 

Und wenn du wütend bist, dann brüll wie ein Löwe brüllt in der Nacht, wenn er wütend und hungrig ist. Und wenn du fröhlich bist, lach wie die Möwen am Strand, lach wie ein Vogel im Flug. 

 

(Eine Melodie: Wie ein Lachen wie ein Vogelflug)

 

III

Sascha sang. Das ganze Schiff war voller Gesang und Sascha mittendrin. Und seine Mutter war da. Sie war da im Gebet Müde bin ich geh zur Ruh

Sie war da im Lied, im Vogelflug, im Sonnenstrahl am Abend.

Sie war neben ihm, wenn er zur Schule ging. Sie war da, wenn er den Ranzen packte. Turnschuhe nicht vergessen, mein Kind! Sie rief und ermahnte ihn. 

 

Er sah sie, am Herd. Sie kochte Spaghetti mit ihm. Sie saß mit ihm am Tisch an ihrem Platz, Stirnseite mit Blick in den Garten. 

Sie war da im Rot der Pullover, quer durch die Stadt, und in jedem Buch, das Martin mit ihm las in seiner Bücherstube. Der Wind in den Weiden, Räuber Hotzenklotz. 

 

Sie wuchs mit ihm auf und fragte ihn, wie es mit den Mädels so läuft. 

Soll ich stark sein oder soll ich so sein, wie ich bin?

Er fragte und sie antwortete ihm. Immer schön sauber bleiben, Junge!

 

Er hörte sie und versuchte´s jeden Tag. Schön sauber bleiben, mein Junge. 

 

Es könnte einer fragen: Wie werden die Toten auferstehen, mit einem Leib, ganz irdisch und real?

Iwo, ihr Narren! In einem Lied, im Pulloverrot, im Vogelflug, in einem Wort, ganz geistlich und unverweslich. AMEN

 

 

 

 

 

 

Röm 14,7-9 / Lk 17, 20-24 | Predigt 6. November 2016 | Wittenberg

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Also, ob wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

 

Leben wir, so leben wir dem Herrn.

Fromme Leute, hast du nicht ausstehen können. Du konntest es nicht leiden, wenn dir einer seine Art zu beten ans Herz gelegt hat, seine Art zu essen, zu lieben und zu lachen.

Du konntest es nicht leiden, wenn dir einer seinen Glauben überstülpte wie einen viel zu engen Rock, so und so geht das. Leben in der Gemeinschaft.

Du hast das gehasst, wenn dir einer mit Blick zum Himmel sagte: Aber das macht ein Christenmensch doch nicht. Gott hat das anders gesagt!

Leben wir, so leben wir dem Herrn.

Du hast sie alle an dir abprallen lassen, all die Abers der frömmelnden Leute, all die Einwände der Typen, die immer schon wussten, wie Gott tickt, wen er hasst und was er liebt.

Dein Gott, von dem du geredet hast, ist freier gewesen, Paulus, freier, als wir alle es sind. Luftiger und ins Dasein verliebt. Und du hast sie alle bleiben lassen, wie sie waren und bis heute noch sind, die Besserwisser und frommen Gefährten, die lauten und die leisen Leute nebenan. Leben wir, so leben wir dem Herrn.

Du hast ihnen Gott ans Herz gelegt, einen, der Menschen annimmt wie sie sind und sie nicht fesselt mit Gesetzen und Gebärden.

Wenn einer Götzenfleisch nicht essen will, dann lasst ihn doch. Er soll´s nicht essen müssen, nur weil einer am Tisch das so will.

Und wenn einer beten will vor dem essen, dann soll er´s tun, aber andern nicht vorschreiben wie das geht: Gott danken für seine Gaben.

Ein jeder finde seinen Weg.

Und im Übrigen: Gott wird´s aushalten, dass der eine braucht, was der andre nicht will. Unser Gott wird´s ertragen und egal, wie wir sind, wir sind des Herrn. Des Herrn Geschöpfe und Kinder.

Leben wir, so leben wir dem Herrn.

 

Das hab ich immer an dir bewundert, dass du mit einem milden Lächeln den Leuten begegnet bist, Leuten, die uns auf die Nerven gehen. Dass in deiner Gegenwart der frömmelnde Typ sein Essen bebeten konnte und der Lebemann das Glas erhoben hat. Prosit, was kostet die Welt?

Du hast es keinem übelgenommen, wenn er so war, wie er war. Sanft hast du ihnen den Himmel gezeigt, Gottes Himmel, seine gnädige Weite für uns.

Heute sehnen wir uns manchmal nach einem, der sagt: Leben geht aber so und so. Weil alles so unklar geworden ist, wacklig und brüchig der Boden.

Weil Bomben fallen und Menschen fliehen und Grenzen fließend geworden sind, weil so mancher seinen Nachbarn nicht mehr erkennt.

Wie wird es werden in dieser Welt, wenn es weitergeht, wie es geht? Und wo geht's hier endlich zum Paradies?

Kurz vor der Grenze zur Tyrannei erschallt der Ruf nach Gesetz und Ordnung; nach einem, der klipp und klar zu uns sagt: so ist es recht, meine Lieben!

 

"Völlig losgelöst von der Erde". (Peter Schilling: Major Tom)

Wir schweben wir Planeten durch den Raum, jeder auf seiner Umlaufbahn und scheuen uns beim andern zu landen.

Der starke Mann. Orientierung. Klarheit. Grenzen. Gesetze, die unzerbrechlich sind, damit klar ist, wer gut und wer böse ist und für alle eine einheitliche Moral.

Der starke Mann. Du solltest der starke Mann sein, einer, der klare Kante gibt. Der starke Mann für die Gemeinde in Rom, für die Verfolgten, Bedrängten.

Aber du hast das nicht gemacht, Paulus, du Saulus, du Himmelsmann. Gott ist vielleicht ganz anders als ihr alle denkt.

Bei ihm hat jeder seinen Platz, auch der Übeltäter, den ihr so hasst.
Leben wir, so leben wir dem Herrn.

 

Du hast den Himmel weit aufgemacht, vielleicht, weil du wusstest wie das ist, wenn Gott einen Mörder zu sich ruft und sagt: Komm her, Saulus, und fang mit mir an!

Paulus, was du geschrieben hast, hat Menschen aus der Bahn geworfen mitten am Tag. Dass Gottes Frieden vielleicht ganz anders ist, als wir es wünschen und brauchen.

Dass Gott einer ist, der Platz für jeden hat, wo Assad am Tisch des Schöpfers sitzt und auch das Kind, das wegen ihm weint. Dass Gott einer ist, der am Kreuz hängt und zwischen Tätern und Opfern steht.

 

Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Denn dazu ist Christus erschienen, dass er Herr sei über Lebende und Tote.

 

Nichts wird er vergessen. Und einmal werden wir uns sehen, wie Gott uns sieht, alles und er wird unser Richter sein.

 

Atemlos. Was du schreibst, macht atemlos. Es zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Und ich frage mich, wie sollen wir leben in der Zwischenzeit? Es muss doch auch Leute geben die sagen: So etwas tut man nicht! Bomben auf Menschen werfen! Es muss doch auch Menschen geben, die sagen: So können, so wollen wir nicht leben in der Welt.

Hört auf, Menschen hinter Gitter zu sperren, nur weil sie anders glauben und denken und Journalisten darüber berichten!

Wo kommen wir hin, wenn das keiner mehr sagt, dass der Rubikon auch mal überschritten ist, wenn jeder macht, was ihm gefällt? Wohlgefallen, Tyrannenstaat?

Ich weiß, Paulus, ich ahne, was du sagst: Frieden beginnt im Hier und Jetzt, mit mir, mit dem Ende allen Richtens.

Und es heißt nicht, aufzuhören, bei den Schwachen zu stehen und es kann sein, dass auch Tyrannen ganz schwache Typen sind, die unsre Menschlichkeit brauchen.

Ich bin gewiss, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird.

Das hast du gesagt und allein auf Christus geblickt. Und dass er einmal alles verbinden wird, was in dieser Welt zerbricht.

 

Es gab Leute, Paulus, die haben NEIN gesagt, NEIN, so kann es mit Gott in der Welt nicht sein.

Es gab Leute, die haben sich handfesten Dingen zugewandt, Werten, Ethik, Gesetz, Moral. Verfassung, Staat und Grundgerüst. Dingen die Frieden versprechen, ganz real, siehe hier und siehe da.

Es gab Menschen, die haben gesagt, du spinnst, so luftig und offen kann der Himmel nicht sein, wenn Gott alles aushält, dann will ich ihn nicht. Irgendeine Richtschnur muss es geben in der Welt, damit klar ist, wo die Guten und die Bösen mal stehen, heut und in Ewigkeit.

Aber du hast gesagt: Es ist nicht an uns, zu richten, einander so einzuteilen. Und: alles kann anders sein.

 

"Völlig losgelöst von der Erde".

Wir sind Planten auf der Umlaufbahn. An keinem Bodenwert hängen, an keinem Gesetz und keiner Moral. Denn keiner lebt sich selber und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn.

Gelächelt hast du und hast das gesagt, frei von aller Moral. Keiner lebt für seinen Wert vor Gott und kein Wert dieser Welt ist es wert, andre dafür zu bedrängen, zu richten.

 

Ach Paulus, dein Wort in unserem Herz. Wir würden wir leben, wenn wir das hören, ich, Erdogan, Putin, Assad?

Wie würde diese Welt aussehen, wenn wir aufhören, unserm Nächsten zu sagen: Leben geht aber so und so!

 

Frieden. Es wäre dein Frieden.

Ein Reich das auftaucht wie ein Blitz, der am Himmel erscheint, kurz und hell und es ist nicht zu fassen mit unseren Händen und Werten.

 

 

 

 

Phil 3,17-21 | Predigt 30. Oktober 2016 | Wittenberg

Mach mich unverletzbar, Herr, wie Siegfried, der im Drachenblut gebadet hat. Mach, dass mein Ex mich nicht mehr quält. Mach, dass es aufhört weh zu tun, wenn er Schlampe zu mir vor den Kindern sagt und Sarah, meine Große, dann fragt: Mutti, was ist das, Schlampe?

Mach mich unverletzbar und stark gegen das Gelächter der Leute in der Stadt, gegen die Alte im Treppenhaus, die immer Rabenmutter zu mir sagt, nur weil ich arbeiten geh mit drei Kindern, "Hallodris und das in unserem Haus. So was hat´s früher nicht gegeben!"

Gib mir die Kraft, dass die Lügen abprallen, die Worte, die sie über mich sagen. Mach mich stark, wenn ich morgens zur Kita geh und die Erzieherin mich so komisch anschaut, wieder eine Ehe, wo es kracht. Wieder eine, die es nicht schafft. Kinder, Familie, heile Welt.

Komm, Gott, und hilf mir dabei. Lange halt ich das nicht mehr aus, die Gerüchte und all diese Lügen. 

Weiß eigentlich einer, wie weh mir mein Ex getan hat mit Worten und mit Händen? Der feine Geschäftsmann im blütenweißen Hemd, von allen geliebt und immer mit gestärkten Manschetten?

Marie lief über Scherben. Scherben der Wut, Gefühle, die wehtun, zerreißen.

 

Folgt mir, liebe Brüder und seht auf die, die so leben, wie ihr uns zum Vorbild habt. 

Folgt mit, hatte Jesus gesagt und Menschen aus der Bedrängnis herausgeholt, in die Freiheit hinein. Du kannst dich jeden Tag entscheiden, wie du leben willst, mit dem Bauch voller Wut, unterdrückt, geschlagen, befreit, geliebt. Folgt mir! 
Marie war der Stimme gefolgt. Das muss aufhören, das Schreien und Schlagen. 

 

Sarah, ihre Große, konnte träumen von einem Leben zu sechst. Mutter, Geschwister und der Papa, der neue und auch der alte. Sie konnte träumen vom Ex-Mann am Küchentisch, vom Kuchen, der für alle reicht. Vom Kaffeeduft und Kinderkakao für Papa, den Vater, die Schwestern. 

Sarah konnte träumen wie ein Kind eben träumt. Davon, dass alles gut werden kann und Jesus mit ihr übers Wasser geht. Ja, warum denn auch nicht?!

Sie beneidete ihre Große um diesen Traum, um die Einfachheit. Marie konnte das nicht. Sarah träumte wie ein Kind eben träumt. Mit den Füßen auf der Erde, mit dem Kopf himmelwärts und das Kinderzimmer war ein luftiger Raum, die Schreie vergessen, nur der Teppich noch blau. Sie konnte vergeben ohne zu wissen, was das ist. Neu anfangen, mit Flausen im Kopf in der Küche stehen und die Pizza beim Abendbrot in sechs Teile teilen. Denn der Vater, der kommt doch wohl auch?!

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr das Reich Gottes nicht sehen.

 

Es gab Tage, da prallt an Marie alles ab, die Gehässigkeit der Nachbarin, der schiefe Blick. Es gab Tage, da tanzte Marie durch die Nacht und fühlte sich frei. Getauft, geliebt, getröstet, befreit. Wir sagen der Macht des Bösen ab, der Wut, allem, was gefangen hält und es gab Tage, da packte sie die Wut und Gott war ganz weit weg. 

Ich bin getauft. Einmal, so heißt es, habe er am Tisch gesessen. Martin Luther, der große Glaubensmann, habe am Tisch gesessen und Buchstaben in die Platte geritzt. Ich bin getauft. Alles, was er nicht glauben kann, die Finger wund geschrieben: ich bin getauft, ich, mein Gott, alles kann anders sein. 

Mich hat Gott gewollt, mit meiner Liebe, meiner Lust, mit meinem schiefen Herzen. 

Ich bin mehr als die Welt und der Papst von mir sagt. Ich, der Martin aus Wittenberg, den jetzt jeder gern zum Teufel jagt, weil er nicht will, wie der Papst es sagt. Seine Ehre ist seine Schande.

Aber mein Bürgerrecht ist im Himmel.

 

Taufe. Eine Erinnerung. Der Nagel war blutunterlaufen. Wie oft muss ich das schreiben, bis ich es versteh? Und warum hält dieses Wort mich nicht auf, warum wischt es die dunklen Gedanken nicht fort? Setz mir die Fackel bei, zünd deine Lichter in mir an, damit ich erkenne, was mich trägt, deine Liebe und nicht das Gerede. 

Wie ein Ertrinkender hing Martin halb über Bord, halb über dem Tisch. Jeden Tag aufs Neue rauskriechen, aus den Gerüchten, aus dem Schuldspruch, dem Richten, der Besserwisserei. 

Jeden Tag aufstehen, mit meinem Gott, die Haare richten und das Gesicht. Die Nachbarin grüßen, ohne Wut im Gesicht, dem Ex-Mann die Kinder mitgeben. Jeden Tag rauskriechen aus der Taufe, dass ich mit mir, in meiner Wut nicht untergeh`, mein Gott, hilf mir dabei. Ich bin mehr als das, was ich tat, das hast du in der Taufe zu mir und ihm gesagt, dein Regenbogen an unserem Himmel. 

 

01017 Großstadt Berlin, das stand seit kurzem in Maries Pass. Da stand, wo sie lebte und wo sie schlief, wo sie abends die Kinder zum Zähneputzen rief. Und auf der Rückseite stand: getauft, geliebt, befreit. Ein Bürgerrecht im Himmel. 

Ich liebe Dich, stand über dem Spiegel in Maries Bad. Ich liebe dich, ich nehme dich an, du bekommst einen Schlüssel fürs Himmelreich, wo jeder ein Bleiberecht hat, wo wir einmal alle sitzen werden an einem Tisch und am Kopfende Jesus, der richtet; tröstet, befreit und zusammenhält, was auf Erden zerbricht. Er breite seinen Frieden für uns aus. 

 

Mühsam, dachte Marie, es war schön und mühsam mit diesem Gott. Ein Bürgerrecht im Himmel. Es war mühsam mit der Wut und mit dem Ende der Schuld, dem Ende von allem Richten. Wie oft saß sie da und rang mit sich. 

Taufe. Ein Hin und Her. Ein Wogen im Schiff. Es gab Tage, da tanzte Marie durch die Nacht, da fühlte sie sich bärenstark, wie Siegfried, der im Drachenblut gebadet hat. Und es gab Stunden, da riss der Sturm an ihr, da drohte sie unterzugehen in der Wut, hing halb über Bord wie Martin am Tisch, ich bin getauft. Komm, Gott, und mach du, was ich nicht kann. 

 

Wenn der Ex vor ihr stand und die Kinder mitnahm. Hilflos stand sie dann in der Tür, so, mein Gott, kann es doch nicht sein, dass er die Kinder mit Eis verwöhnt, ihnen alles bietet, was ich mir nicht leisten kann und die Kinder lieben ihn dafür!

Ihr Gott ist der Bauch, sie sind irdisch gesinnt und seine Ehre ist seine Schande. 

Komm Gott, zeig dich! Zeig ihnen, was Eis und was Liebe ist, und zeig es am Ende auch mir!

 

Taufe. Jeden Tag den alten Adam ersäufen in mir, die Wut im Bauch ertränken. Und der Stimme folgen, die zur Freiheit verführt. Folgt mir nach, liebe Brüder. 

 

 

 

 

Off 21,1

Zu eng, alles zu eng und dabei heißt es: Offenbarung. Aber da offenbarte sich nichts. Da tat sich nichts auf, kein Himmel und kein Meer mit Ozean. Was er hörte, kannte er schon. Ich bin gewiss, dass Gott alles überwinden wird in Jesus Christus. 

Fromm. Es klang fromm und es half ihm nicht hier am Grab. Er war lebendig und Marie nicht. Das war nun sein Leben. Und wie sollte es weitergehen? Sollte er nach Hause gehen, schlafen und morgen aufstehen. Kaffee kochen, Brötchen holen, nur dass Marie nie mehr mit ihm am Tisch sitzen würde? 

Und der Pfarrer war gewiss, sie war lebendig, in Christus. Ewiges Leben. Für immer. Schön für Christus, er hätte es lieber anders gehabt. Christus da unten und Marie an seiner Seite. Aber er kannte das schon: bei Gott gab´s keine Kompromisse. 

 

Ich bin bei dir, bis ans Ende der Welt.